Jüchener kritisieren die kommunalen Kosten

Stand: 04.04.2025
Die Jüchener Unternehmen geben ihrem Wirtschaftsstandort die Note 2,89. Die Beschäftigung am Standort ist überdurchschnittlich stark gewachsen, allerdings empfinden die Unternehmen die Kosten als zu hoch. Das sind wesentliche Ergebnisse der Standortanalyse für die Stadt Jüchen, die die Industrie- und Handelskammer (IHK) Mittlerer Niederrhein im Haus Katz vorgestellt hat. „Bei unserer Unternehmensumfrage schneiden wichtige Faktoren, wie die überörtliche Straßeninfrastruktur und die Informations- und Kommunikationsinfrastruktur, gut beziehungsweise besser als in der Region ab“, erklärte IHK-Hauptgeschäftsführer Jürgen Steinmetz. „Allerdings zeigen die amtlichen Daten, dass Jüchen weiterhin ein Standort mit geringer Steuerkraft ist. Ich hoffe, dass es im Strukturwandelprozess gelingt, steuerstarke Betriebe für den Standort zu gewinnen.“ Die Standortanalyse basiert auf der Auswertung amtlicher Statistiken und einer Unternehmensumfrage der IHK, an der sich 113 Jüchener Betriebe mit mehr als 1.150 Mitarbeitenden beteiligt haben.
Zum 30. Juni 2024 haben in Jüchen insgesamt 3.425 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte gearbeitet – knapp 59 Prozent mehr als im Jahr 1999. Im Rhein-Kreis Neuss und im Land Nordrhein-Westfalen war das Wachstum im gleichen Zeitraum deutlich geringer. Allerdings: Der Anteil der Beschäftigten in Jüchener Betrieben an der erwerbsfähigen Bevölkerung (von 15 bis 65 Jahren) ist mit 23 Prozent immer noch so niedrig wie in keiner anderen Kommune ähnlicher Größe am Mittleren Niederrhein. „Das erfreuliche Beschäftigungswachstum ist also von einer sehr geringen Basis aus entstanden“, erklärt Gregor Werkle, Leiter Wirtschaftspolitik bei der IHK. Beim Blick auf die vergangenen zehn Jahre fällt auf, dass sowohl das produzierende Gewerbe als auch der Handels- und Dienstleistungszweig weiter gewachsen sind. „Beim produzierenden Gewerbe gab es zuletzt einen leichten Einbruch. Wir hoffen, dass dies nicht Vorboten der schwindenden internationalen Wettbewerbsfähigkeit des Standorts Deutschland sind“, so Werkle.
Beim Vergleich wichtiger volkswirtschaftlicher Indikatoren Jüchens mit Kommunen ähnlicher Größe, dem Rhein-Kreis und dem Land Nordrhein-Westfalen zeigen sich ebenfalls sowohl positive Aspekte als auch einige Herausforderungen: Jüchen weist sehr geringe Arbeitslosenzahlen auf, obwohl sie zuletzt angestiegen sind. Mit einem Wert von 102,4 liegt die einzelhandelsrelevante Kaufkraft in Jüchen leicht über dem bundesdeutschen Durchschnitt (100) und über dem Wert von vier der fünf Kommunen ähnlicher Größe im IHK-Bezirk. Die Zentralitätskennziffer (76,4) zeigt, dass Jüchen allerdings viel Kaufkraft ins Umland verliert. „Von den Kommunen ähnlicher größer im IHK-Bezirk hat nur Niederkrüchten eine geringere Zentralitätskennziffer“, betonte Werkle.
Nur sehr geringe Gewerbesteuerkraft
Nur unterdurchschnittlich ist in Jüchen die Realsteueraufbringungskraft der Gewerbesteuer je Einwohner. „Jüchen ist die Kommune mit der geringsten Gewerbesteuerkraft im gesamten IHK-Bezirk Mittlerer Niederrhein. Im Regierungsbezirk Düsseldorf kommt nur die Gemeinde Rheurdt auf einen niedrigeren Wert“, erläuterte Werkle. Die IHK fordert deshalb, mehr steuerstarke Betriebe für den Standort zu gewinnen. Sonst wird sich die kommunale Haushaltslage nicht bessern. Schließlich zeigt der Vergleich auch: Jüchen hat überdurchschnittlich hohe Hebesätze bei Gewerbe- und Grundsteuer und ist stark verschuldet.
Unternehmen geben Wirtschaftsstandort eine 2,89
Ähnlich ambivalent wie die Ergebnisse aus der amtlichen Statistik sind die Resultate der Unternehmensbefragung. Dabei haben 113 Jüchener Unternehmen den Standort insgesamt sowie mehr als 40 Standortfaktoren mit einer Schulnote zwischen 1 und 6 bewertet. „Das Urteil für den Standort insgesamt fällt mit einer Bewertung von 2,89 etwas schwächer aus als der Durchschnitt der Wirtschaftsstandorte am Mittleren Niederrhein in den vergangenen Jahren und etwas schlechter als bei der Vorumfrage“, erklärte Steinmetz. Die verschiedenen Standortfaktoren wurden in Themengebiete gegliedert: harte Standortfaktoren, Kommunale Kosten und Leistungen, Innerstädtische Standortfaktoren und Arbeitsmarktfaktoren. Die Arbeitsmarktfaktoren, bei denen es etwa um die Lernqualität an den Schulen geht, werden in Jüchen besser bewertet. „Bildung ist für den anstehenden Strukturwandelprozess von großer Bedeutung. Deswegen ist das sehr ermutigend“, betonte Steinmetz.
Eine Drei für die Informations- und Kommunikationsinfrastruktur
Der wichtigste Standortfaktor ist in den Augen der Unternehmen die Informations- und Kommunikationsinfrastruktur (IuK). Sie umfasst die Breitbandinfrastruktur und den Mobilfunkempfang. Diesem Faktor geben die Unternehmen in Jüchen die Note 3,00. Das ist eine bessere Bewertung als am Mittleren Niederrhein im Schnitt und auch besser als bei der vergangenen Umfrage im Jahr 2020. „Hier hat die Stadtverwaltung einen guten Job gemacht“, erklärte Steinmetz. Auch die Verkehrsanbindung an das Straßen- und Autobahnnetz ist für die Unternehmen ein sehr wichtiger Standortfaktor. Er wird mit der Note 1,95 bewertet. „Das ist noch besser als am Mittleren Niederrhein im Durchschnitt. Die Erreichbarkeit ist für die Ansiedlung neuer Betriebe im Rahmen des Strukturwandelprozesses sehr wichtig“, so Steinmetz.
Ambivalenz bei kommunalen Kosten und Leistungen
Ambivalent ist das Bild bei den kommunalen Kosten und Leistungen. „Kurz gesagt: Der Standort ist zu teuer, aber die Verwaltung gibt sich bei den Dienstleistungen Mühe“, so Steinmetz. So hat Jüchen von allen kreisangehörigen Kommunen am Mittleren Niederrhein den vierthöchsten Gewerbesteuerhebesatz, auch bei der Grundsteuer gehört Jüchen zu den Kommunen mit dem höchsten Satz. Und auch die Höhe der öffentlichen Gebühren wird kritisch bewertet. Die behördliche Reaktionszeit und die Erreichbarkeit beziehungsweise die Öffnungszeiten der Behörden schneiden mit 3,12 beziehungsweise 2,86 deutlich besser ab als der Durchschnitt am Mittleren Niederrhein, obwohl sich der zuletzt genannte Faktor seit 2019 leicht verschlechtert hat.
Die Dauer von Plan- und Genehmigungsverfahren (3,49) wird im Vergleich zu 2020 sehr viel besser bewertet, obgleich die Bewertung selbst noch Verbesserungspotenziale aufzeigt. Der IHK-Hauptgeschäftsführer empfiehlt der Kommune, sich dem zertifizierten RAL-Prozess „Mittelstandsorientierte Kommunalverwaltung“ zu stellen. Der Zertifikatsprozess gibt der Kommune die Möglichkeit, zu erfassen, welche Bereiche weitere Potenziale haben, um die Wirtschaftsfreundlichkeit weiter zu erhöhen. „Es ist auch ein gutes Signal nach außen, um zu zeigen, dass man mittelstandsfreundlich agiert. Gerade mit Blick auf die Möglichkeiten des Strukturwandelprozesses sollte man diese Chancen nutzen“, so Steinmetz.
Parkplatzangebot und Stadtbild werden bemängelt
Die innerstädtischen Standortfaktoren werden insgesamt etwas schlechter als am Mittleren Niederrhein im Schnitt bewertet. Besonders das Parkplatzangebot und das Stadtbild werden kritisiert. „Dennoch bleibt eine gute Erreichbarkeit für die ansässigen Handelsunternehmen von großer Bedeutung. Vor allem Dauerparker sind für die Jüchener Innenstadtakteure ein Problem“, so Steinmetz.
Fachkräftemangel hat sich vergrößert
Die Mehrheit der Unternehmen geht davon aus, dass Jüchen das Potenzial für ein ansprechendes Wohnumfeld hat. Das ist für Mitarbeitende bei der Arbeitgeberwahl ein wichtiger Faktor. Dennoch hat sich der Fachkräftemangel – abzulesen an der ungünstigeren Bewertung der lokalen Verfügbarkeit von Fachkräften und der Qualifikation der lokalen Arbeitskräfte – in Jüchen seit der vergangenen Umfrage verschlechtert. „Das bereitet mir vor allem perspektivisch Sorgen“, betonte Steinmetz. „Jüchen kann vom Strukturwandelprozess massiv profitieren, wenn sich neue Unternehmen ansiedeln. Aber wenn die Fachkräfte fehlen, ist das eine große Herausforderung.“
Forderung nach neuen Gewerbeansiedlungen
Die IHK fordert für Jüchen die Realisierung des interkommunalen Gewerbegebiets Elsbachtal. Zudem soll perspektivisch im Bereich des Tagebaus Garzweiler mit dem Innovation Valley ein zentraler Wirtschaftsraum geschaffen werden. Als erste Pionierstation des Innovation Valley soll zwischen Jüchen und Titz im Bereich des Autobahndreiecks Jackerath ein interkommunales Gewerbe- und Industriegebiet geschaffen werden. „Dieses Gebiet kann schon außerhalb der Flächen des Tagebaus entwickelt werden. Mit diesen Maßnahmen und der richtigen Ansiedlungsstrategie wird Jüchen in Zukunft seine Steuerschwäche und damit auch das Einnahmeproblem des Kommunalen Haushalts überwinden“, so Steinmetz.
Das Thema Gewerbeflächen bestimmte auch die anschließende Diskussion zwischen Steinmetz, Bürgermeister Harald Zillikens, Markus Hamacher, Geschäftsführer der ELN Systems GmbH, und dem Publikum. „Wäre ich kein Lokalpatriot, hätte ich mich mit meinem Unternehmen in einer anderen Stadt angesiedelt“, sagte Hamacher. Seit September hat er seinen Unternehmensstandort in Jüchen. Die Zeit zuvor war nervenaufreibend. „Es war nicht einfach“, erklärte er. Für die Immobilie in Jüchen musste er einen Umbau – mitsamt sämtlichen bürokratischen Hürden – in Kauf nehmen. „Das Büroflächen-Angebot in Jüchen ist sehr überschaubar.“ Dabei sei die Stadt für Unternehmen, die flexibles Arbeiten anbieten, optimal. Und: Könnten mehr Unternehmen angesiedelt werden, könnte die Stadt vielleicht den Gewerbesteuerhebesatz runterschrauben. „Es tut einem Unternehmer schon weh, wenn er so hohe Steuern zahlen muss.“
Bürgermeister Zillikens wies darauf hin, dass man bei einigen Entwicklungen auf einem guten Weg sei. So sei mit der Inbetriebnahme der S-Bahn zwischen Köln und Mönchengladbach mit Halt in Jüchen die barrierefreie Gestaltung der Bahnhöfe verbunden. Die Internationale Gartenschau 2037 rund um den Tagebau Garzweiler sei ein „guter Katalysator“ für die Stadt. Auch von einer Verwirklichung der Hyperscaler-Pläne Microsofts in Grevenbroich würde Jüchen profitieren. Auf der Zielgraden sei man dagegen schon beim Industriegebiet Elsbachtal. Es fehle noch die Anbindung an die B59, dann könne man in die Vermarktung gehen.
Damit ist das Büroflächen-Problem allerdings nicht gelöst. „Das mit Mönchengladbach geplante Zero-Emission-Gewerbegebiet findet keine politische Mehrheit“, erklärte Zillikens. „Das ist schade, zumal sich die Gegner offensichtlich nicht mit dem Konzept beschäftigt haben.“ Es stehe aber noch im Regionalplan und sei damit noch nicht vom Tisch. Steinmetz appellierte in diesem Zusammenhang an die kommunalpolitischen Akteure: „Diese Fläche auszuweisen, wäre dringend notwendig gewesen. Wenn man ein Ziel formuliert hat, muss man es konsequent umsetzen.“
Hamacher bemängelte zudem den Bereich Gastronomie/Hotellerie. „Es ist viel an Gastronomie weggefallen und wenn wir Geschäftskunden haben, müssen sie außerhalb übernachten und weichen zum Beispiel nach Mönchengladbach aus. Wie schaffen wir es, die Leute vor Ort zu halten?“, fragte er. Zillikens versicherte, dass man immer wieder versucht habe, ein Hotel für Jüchen zu gewinnen. Dies sei aber inzwischen aussichtslos.
„Ich glaube, dass der Strukturwandel viele Chancen für Jüchen mit sich bringt und ich bin zuversichtlich, dass wir bei der nächsten Standortanalyse in fünf Jahren Hyperscaler und Co. in der Region sehen können“, erklärte Steinmetz zum Schluss. Und Unternehmer Hamacher bekräftigte: „Jüchen hat es verdient, sich vernünftig zu entwickeln.“
Die komplette Analyse ist zu finden unter: www.mittlerer-niederrhein.ihk.de/32566
Bildunterschrift:
Wie sollte sich der Wirtschaftsstandort entwickeln? Über diese Frage diskutierten IHK-Hauptgeschäftsführer Jürgen Steinmetz (l.), Bürgermeister Harald Zillikens (2.v.l.) und Markus Hamacher, Geschäftsführer der ELN Systems GmbH. Die Moderation übernahm Beate Kowollik.