Jüchen 2025

Jüchen 2025
© IHK Mittlerer Niederrhein

In dieser Studie werden die Merkmale der Stadt Jüchen als Wirtschaftsstandort ausführlich untersucht. Dabei werden zunächst sowohl die Branchenstrukturen als auch ihre Entwicklungen analysiert. Zudem werden verschiedene wirtschaftliche Kennzahlen herangezogen, um Jüchen mit ähnlich großen und ähnlich strukturierten Kommunen am Mittleren Niederrhein und in Nordrhein-Westfalen zu vergleichen. Dies ermöglicht es, die Position von Jüchen als Wirtschaftsstandort im Wettbewerb anhand verschiedener Indikatoren zu bewerten. Die Ergebnisse der Standortbefragung von Unternehmen in Jüchen bilden den Kern der Analyse. Rund 115 Unternehmen mit über 1.150 Mitarbeitenden haben verschiedene Standortfaktoren hinsichtlich ihrer Bedeutung und Qualität bewertet.

Das Ziel der Analyse ist es, Möglichkeiten zur weiteren Verbesserung des Wirtschaftsstandorts Jüchen zu identifizieren und dabei zu helfen, diesen im Standortwettbewerb zu stärken und zukunftsfähig zu machen. Die Industrie- und Handelskammer Mittlerer Niederrhein leitet wirtschaftspolitische Handlungsempfehlungen aus den Ergebnissen ab, die den Abschluss dieser Analyse bilden. 

 

1. Wirtschaft in Jüchen

1.1 Branchenstrukturen und Beschäftigungsentwicklung

In Jüchen arbeiteten zum 30.06.2024 insgesamt 3.425 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte. Seit 1999 ist die Beschäftigung damit um 58,6 Prozent gestiegen. Im Land NRW und im Rhein-Kreis Neuss gab es seit 1999 ebenfalls ein Wachstum, das jedoch deutlich geringer ausfiel (26,5 beziehungsweise 31,0 Prozent). Insbesondere in der Zeit von 2008 bis 2016 war das Beschäftigungswachstum in Jüchen überdurchschnittlich hoch. In der Coronazeit sank die Beschäftigung. Seit dem Jahr 2021 entspricht das Wachstum dem Level im Rhein-Kreis und im Land. Etwas relativierend ist allerdings festzuhalten: Die Beschäftigungsquote, also der Anteil der Beschäftigten am Arbeitsort Jüchen an der erwerbsfähigen Bevölkerung (von 15 bis 65 Jahren), ist mit 23 Prozent so niedrig wie in keiner anderen Kommune ähnlicher Größe am Mittleren Niederrhein. Das erfreuliche Beschäftigungswachstum ist also von einer sehr geringen Basis aus entstanden.

Wenn man die Verteilung der Beschäftigten in Jüchen auf die verschiedenen Wirtschaftszweige betrachtet, fällt zunächst auf, dass 2,4 Prozent aller sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in Jüchen in der Land- und Forstwirtschaft tätig sind. Dieser Anteil ist deutlich höher als in Nordrhein-Westfalen (0,5 Prozent) und mehr als doppelt so hoch wie im Rhein-Kreis Neuss (1,0 Prozent). Der Bereich Land- und Forstwirtschaft ist in Jüchen stärker vertreten als in den anderen Kommunen im Rhein-Kreis Neuss, Rommerskirchen ausgenommen.

Das Produzierende Gewerbe ist mit 15,8 Prozent in Jüchen anteilig deutlich geringer vertreten als im Land und im Rhein-Kreis (24,9 beziehungsweise 25,0 Prozent). Die Beschäftigtenzahl in diesem Sektor in Jüchen ist seit 2014 um 8,2 Prozent gestiegen. Das Wachstum ist etwas höher als im Land und im Rhein-Kreis.

Der Beschäftigungsanteil in den distributiven Diensten, wie Handel, Gastgewerbe und Logistik, ist in Jüchen mit 40,4 Prozent stärker als im Land und im Rhein-Kreis (22,2 beziehungsweise 28,1 Prozent). Die anderen Branchen im Dienstleistungssektor sind hingegen weniger stark vertreten. Die Beschäftigung im Handel und im Dienstleistungssektor insgesamt ist in den vergangenen zehn Jahren in Jüchen zwar gewachsen, jedoch deutlich weniger stark als im Land Nordrhein-Westfalen und im Rhein-Kreis Neuss. Dies lag allerdings vor allem am Beschäftigungsrückgang zum Jahr 2020 – die Datenanalyse zeigt, dass es sich dabei eher um den Rückgang in wenigen größeren Betrieben handelt. Seit 2021 steigt die Beschäftigung wieder an – die Wachstumsraten sind dabei ähnlich wie im Kreis und im Land.

1.2 Detailstrukturen

Die Analyse der Detailstrukturen wird durch die Datenverfügbarkeit erschwert. Für einige Branchen liegen aus Geheimhaltungsgründen keine konkreten Beschäftigtendaten vor. Dennoch lassen sich anhand der Daten einige Merkmale des Standorts Jüchen herausarbeiten.

Landwirtschaft in Jüchen überdurchschnittlich stark 

Der Bereich Land- und Forstwirtschaft ist in Jüchen überdurchschnittlich stark vertreten. Dies zeigt sich am Vergleich der Beschäftigtenanteile in diesem Bereich in Jüchen und Nordrhein-Westfalen, dem sogenannten Lokalisationsquotienten. Der Lokalisationsquotient setzt den Beschäftigtenanteil einer Branche in Jüchen ins Verhältnis zum Beschäftigungsanteil dieser Branche in Nordrhein-Westfalen. Ein Wert unter 1 bedeutet einen Anteil unter dem Landesdurchschnitt, während ein Wert über 1 einen höheren Anteil als im Land anzeigt. In Jüchen beträgt der Lokalisationsquotient für die Land- und Forstwirtschaft 5,0, was anzeigt, dass der Anteil dieser Branche an der Gesamtbeschäftigung fünfmal so hoch ist wie im Land. Der Anteil an der Gesamtbeschäftigung in der Land- und Forstwirtschaft in Jüchen liegt bei 2,4 Prozent und ist in den letzten zehn Jahren um rund 41 Prozent gewachsen.

Verarbeitendes Gewerbe weniger bedeutend 

Im Verarbeitenden Gewerbe sind in Jüchen 6,8 Prozent aller sozialversicherungspflichtig Beschäftigten tätig. Zum 30.06.2024 waren das 234 Beschäftigte. Im Vergleich zu den Beschäftigungsanteilen in NRW ist der Bereich unterdurchschnittlich stark vertreten, wie der Lokalisationsquotient von 0,4 zeigt. Im IHK-Bezirk weisen nur die Gemeinde Rommerskirchen sowie die Städte Meerbusch und Kaarst einen noch geringeren Industrieanteil an der Beschäftigung auf. Immerhin: In den vergangenen zehn Jahren ist die Zahl der Beschäftigten im Verarbeitenden Gewerbe in Jüchen um 2,2 Prozent gestiegen, in NRW ist er um den gleichen Anteil gesunken und der Rhein-Kreis Neuss verzeichnet eine Steigerung von 6,2 Prozent.

Aufgrund der insgesamt geringen Zahl an Beschäftigten unterliegen die Beschäftigtenzahlen der meisten Teilbereiche des Verarbeitenden Gewerbes aus Datenschutzgründen der Geheimhaltung, da möglicherweise nur ein Unternehmen die Beschäftigten eines gesamten Teilbereiches stellt. Einzig für die Bereiche Herstellung von Nahrungs- und Futtermitteln liegen Daten vor. Knapp 2 Prozent der Beschäftigten in Jüchen arbeiten in der Herstellung von Nahrungs- und Futtermitteln. Das ist etwas höher als im Land Nordrhein-Westfalen, wie der Lokalisationsquotient von 1,1 zeigt.

Gute 8 Prozent der Beschäftigten arbeiten im Baugewerbe

Betrachtet man das Baugewerbe, in dem 8,4 Prozent aller sozialversicherungspflichtig Beschäftigten am Arbeitsort Jüchen tätig sind, sieht man, dass es eine überdurchschnittliche Bedeutung verglichen zum Land NRW hat. Der Lokalisationsquotient liegt bei 1,6. Dabei ist das Wachstum der Branche in Jüchen in den letzten zehn Jahren mit 9,5 Prozent deutlich schwächer als in NRW (23,1 Prozent) und dem Rhein-Kreis Neuss (37,8 Prozent).

Jüchen ist Handelsstandort

Im Handel insgesamt arbeiten gut 700 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte in Jüchen. Das sind 20,5 Prozent aller sozialversicherungspflichtig Beschäftigten. Der Lokalisationsquotient liegt bei 1,5. Die Branche ist jedoch in den letzten zehn Jahren deutlich geschrumpft (-33,0 Prozent), während der Handel in NRW und im Rhein-Kreis Neuss gewachsen ist (11,4 beziehungsweise 3,8 Prozent). In Jüchen liegt dies daran, dass in einer Muttergesellschaft eines national operierenden Handelsunternehmens die Mitarbeiterzahl reduziert wurde.

Der Handel lässt sich in drei Teilbereiche untergliedern. Während der Beschäftigungsanteil des Einzelhandels in Jüchen im Vergleich zum Land NRW deutlich überdurchschnittlich hoch ist (Lokalisationsquotient: 2,1) und der Bereich des Handels mit Kraftfahrzeugen leicht überdurchschnittlich hoch ist (Lokalisationsquotient: 1,3), ist der Großhandel schwächer vertreten (Lokalisationsquotient: 0,7). 2024 arbeiteten im Einzelhandel 504 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte, also knapp 14,7 Prozent aller Beschäftigten am Arbeitsort Jüchen. Die Beschäftigung ist in den letzten zehn Jahren stark gesunken (32,6 Prozent). Im Großhandel betrug der Rückgang sogar 50,2 Prozent. Hier sind besonders große Arbeitgeber in Jüchen für den Beschäftigungsabbau verantwortlich.

Verkehrswirtschaft mit überdurchschnittlicher Bedeutung

Angesichts des dichten Autobahnnetzes um Jüchen ist der Standort besonders interessant für das Verkehrsgewerbe. Im Bereich Verkehr und Lagerei arbeiten 16,3 Prozent aller sozialversicherungspflichtig Beschäftigung in Jüchen. Der Bereich ist in Jüchen im Vergleich zum Land überdurchschnittlich stark vertreten, der Lokalisationsquotient liegt bei 2,9. Die Branche ist in Jüchen in den letzten zehn Jahren um gut 50 Prozent gewachsen. Dies ist deutlich stärker als im Land und im Rhein-Kreis (28,5 beziehungsweise 5,1 Prozent).

Auch das Gastgewerbe ist in Jüchen überdurchschnittlich stark vertreten (Lokalisationsquotient: 1,4). Hier arbeiten insgesamt 3,6 Prozent aller Beschäftigten. Dies sind 62,7 Prozent mehr als noch vor zehn Jahren. Im Land und im Kreis ist diese Branche in den letzten zehn Jahren schwächer gewachsen (23,6 beziehungsweise 38,2 Prozent). Angesichts der Verwerfungsprozesse, die die Pandemie und die Energiekrise in dieser Branche mit sich gebracht haben, ist dies eine außerordentlich positive Nachricht.

Unternehmensnahe Dienstleistungen weniger wichtig als im Land

Das Grundstücks- und Wohnungswesen macht mit 65 sozialversicherungspflichtig Beschäftigten nur knapp 2 Prozent der Beschäftigten in Jüchen aus, liegt aber mit einem Lokalisationsquotienten von 2,2 deutlich über der Bedeutung in NRW.
Die Erbringung freiberuflicher, wissenschaftlicher und technischer Dienstleistungen und die Erbringung von sonstigen wirtschaftlichen Dienstleistungen, die zum Beispiel die Vermietung und Vermittlungsbereiche, Gebäudebetreuung oder Reisebüros umfasst, sind ebenfalls nur wenig bedeutsam in Jüchen (Beschäftigungsanteil: 2,8 beziehungsweise 4,8 Prozent) und im Vergleich zum Beschäftigungsanteil der Branchen im Land weniger wichtig (Lokalisationsquotient: 0,4 beziehungsweise 0,7). Während die zuerst genannte Branche in den letzten zehn Jahren einen Beschäftigungsabbau aufweist (11,8 Prozent), verzeichnet die zuletzt genannte ein Wachstum von 144,1 Prozent. Mehr als ein Drittel der Beschäftigten bei der Erbringung von sonstigen wirtschaftlichen Dienstleistungen sind in der Gebäudebetreuung sowie im Garten und Landschaftsbau tätig.

Leicht überdurchschnittliche Bedeutung des Sozialwesens

Im Gesundheits- und Sozialwesen arbeiten 16 Prozent aller sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in Jüchen. Das sind insgesamt 549 Beschäftigte. Der Anteil ist damit etwas geringer als im Land (Lokalisationsquotient: 0,9). Das Wachstum der Branche in Jüchen in den letzten zehn Jahren liegt mit 47,6 Prozent über dem Wachstum im Land (29,9 Prozent) und unter dem Wachstum im Rhein-Kreis (52,2 Prozent).
Im Sozialwesen, Heime ausgenommen, arbeiten gut 5 Prozent aller Beschäftigten in Jüchen. Der Anteil ist damit etwas größer als im Land (Lokalisationsquotient: 1,1).

Für die Beschäftigung in der Informations- und Kommunikationsbranche, der Erbringung von Finanz- und Versicherungsdienstleistungen, der öffentlichen Verwaltung, Erziehung und Unterricht sowie in der Kunst, Unterhaltung und Erholung liegen aus Geheimhaltungsgründen keine genaueren Daten in der amtlichen Statistik vor. Die Erbringung sonstiger Dienstleistungen ist in Jüchen verglichen zum Land überdurchschnittlich vertreten (Lokalisationsquotient: 1,4), mit einem Beschäftigungsanteil von knapp 4 Prozent allerdings insgesamt von geringer Bedeutung.

1.3 Volkswirtschaftliche Kennzahlen im Vergleich

Die einzelnen Wirtschaftsstandorte stehen in einem stetigen Wettbewerb um Investoren, Unternehmen und damit auch um Arbeitsplätze. Anhand von regionalwirtschaftlich relevanten Indikatoren wird im folgenden Kapitel überprüft, welche Position die Stadt Jüchen im Vergleich mit anderen Standorten einnimmt. Dabei wird Jüchen zunächst mit Städten und Gemeinden des IHK-Bezirks Mittlerer Niederrhein verglichen, die eine ähnliche Größe aufweisen. Dies sind die Kommunen Brüggen, Grefrath, Niederkrüchten, Schwalmtal und Tönisvorst. Zusätzlich werden die Durchschnittswerte von Nordrhein-Westfalen und des Rhein-Kreises Neuss für die Einordnung der Werte herangezogen.

Arbeitslosenzahlen im Zehn-Jahres-Vergleich

2024 gab es in Jüchen über 600 gemeldete Arbeitslose. Zwar wird von der Agentur für Arbeit keine Arbeitslosenquote für Jüchen ausgewiesen, bezieht man diese Zahl auf die Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter, ist diese jedoch im Vergleich zum Land NRW unterdurchschnittlich. Anders als im Land und im Rhein-Kreis hat die Zahl der Arbeitslosen in den letzten zehn Jahren in Jüchen zugenommen (5,7 Prozent). Von den Vergleichskommunen am Mittleren Niederrhein ist nur in Niederkrüchten ebenfalls ein Anstieg der Arbeitslosenzahlen zu sehen, allerdings ist dieser mit 2,4 Prozent geringer als in Jüchen.

Kaufkraft und Zentralität

Mit einem Wert von 102,4 liegt die einzelhandelsrelevante Kaufkraft in Jüchen leicht über dem bundesdeutschen Durchschnitt (100). Im Rhein-Kreis ist die einzelhandelsrelevante Kaufkraft höher (107,6). Von den Vergleichskommunen erreicht nur Tönisvorst einen höheren Wert. Die Werte der anderen Vergleichskommunen bleiben knapp unter dem Wert von Jüchen.

Die Zentralitätskennziffer gibt an, wie viel der Kaufkraft im Ort selbst verbleibt, also vor Ort auch ausgegeben wird. Ein Wert größer als 100 zeigt dabei an, dass Kaufkraft aus anderen Kommunen in die jeweilige Kommune zufließt, ein Wert von unter 100 deutet auf einen Kaufkraftabfluss hin. Der Wert 76,4 in Jüchen zeigt also an, dass ein wesentlicher Teil der Kaufkraft in umliegende Kommunen abfließt. Jüchen schneidet damit schlechter ab als die meisten vergleichbaren Kommunen, auch wenn der hohe Wert von Brüggen mit der Sonntagsöffnung des Einzelhandels zusammenhängt. Nur Niederkrüchten weist einen größeren Kaufkraftabfluss auf. Der Wert ist allerdings nicht besorgniserregend im Hinblick auf die Größe Jüchens und die Nähe zu Mönchengladbach und Neuss sowie zur niederländischen Grenze.

Da im Hinblick auf eine Beurteilung der Steuereinnahmen und der Verschuldung weitere strukturelle Faktoren wichtig sind, um Jüchen mit anderen Kommunen zu vergleichen, werden bei diesem Vergleich zusätzlich noch entsprechende Vergleichskommunen hinzugezogen, die durch eine Analyse des RWI – Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung als Vergleichskommunen identifiziert worden sind. Diese ähneln Jüchen zum Beispiel in Bezug auf ihre Größe und die Aufgabengebiete, die die Kommune erfüllen muss.

Steuereinnahmekraft und Realsteueraufbringungskraft

Die Steuereinnahmekraft in Jüchen lag im Jahr 2023 bei 1.139 Euro je Einwohner. Sie ist damit geringer als im Rhein-Kreis Neuss sowie im Land NRW und liegt auch unter dem Schnitt vergleichbarer Kommunen in der Region und deutlich unter dem Schnitt vergleichbarer Kommunen aus Nordrhein-Westfalen.

Die Realsteueraufbringungskraft der Gewerbesteuer je Einwohner in Jüchen lag 2023 bei 304 Euro je Einwohner. Der Wert in Jüchen ist geringer als im Rhein-Kreis Neuss, in NRW und dem Schnitt der Vergleichskommunen aus NRW. Im Verhältnis zu den vergleichbaren Kommunen der Region Mittlerer Niederrhein schneidet Jüchen schlechter ab. Jüchen ist die Kommune mit der geringsten Gewerbesteuerkraft im gesamten IHK-Bezirk Mittlerer Niederrhein. Im gesamten Regierungsbezirk Düsseldorf kommt nur die Gemeinde Rheurdt auf einen niedrigeren Wert.

Die Steuereinnahmekraft hat sich in Jüchen zwischen 2018 und 2023 um knapp 12 Prozent gesteigert. Im Kreis, im Land und den Vergleichskommunen am Mittleren Niederrhein konnten insgesamt größere Steigerungen verzeichnet werden (17,0 und 22,0 beziehungsweise 21,4 Prozent). Die Realsteueraufbringungskraft der Gewerbesteuer je Einwohner hat sich in Jüchen in der gleichen Zeit um rund 24 Prozent gesteigert. Im Land und in den Vergleichskommunen am Mittleren Niederrhein war die Entwicklung etwas besser (27,4 beziehungsweise 36,0 Prozent). Während die Entwicklung im Rhein-Kreis Neuss und in den Vergleichskommunen im Land geringer war (18,3 beziehungsweise 13,5 Prozent).

Verschuldung

Die öffentliche Verschuldung in Jüchen liegt mit 2.981 Euro über allen Referenzwerten, außer der Bruttoverschuldung des Landes (3.666 Euro je Einwohner).  Die Kassenkredite im Kernhaushalt in Jüchen betragen 428 Euro je Einwohner. Damit liegt Jüchen unter dem NRW-Schnitt, dem Schnitt im Rhein-Kreis Neuss sowie leicht unter dem Schnitt der Vergleichskommunen in NRW.

Gewerbesteuerhebesatz

 

Der Gewerbesteuerhebesatz liegt in Jüchen mit 470 Punkten über dem Schnitt der Hebesätze vergleichbarer Kommunen und dem Schnitt im Rhein-Kreis. Der Hebesatz in Jüchen ist identisch zum Schnitt in NRW. Hierzu sei allerdings angemerkt, dass die Hebesätze in Nordrhein-Westfalen im Vergleich zu allen anderen Flächenländern überdurchschnittlich hoch sind. Bei den kreisangehörigen Kommunen liegt der Durchschnitt in NRW bei 460 Punkten.

 

2. Ergebnisse der Unternehmensbefragung

Um die Stärken und Potenziale des Wirtschaftsstandorts Jüchen zu ermitteln, führte die Industrie- und Handelskammer Mittlerer Niederrhein zum Jahresende 2024 eine Unternehmensbefragung durch, bei der rund 115 Betriebe antworteten. Die antwortenden Unternehmen repräsentieren dabei mit über 1.150 Angestellten etwa 34 Prozent der (sozialversicherungspflichtig) Beschäftigten am Arbeitsort Jüchen. Vertreten sind dabei Unternehmen aller Wirtschaftsbereiche.

Bei der Befragung bewerteten die Betriebe rund 40 Standortfaktoren unter zwei Gesichtspunkten: einmal hinsichtlich der Bedeutung (Wichtigkeit) für den eigenen Betrieb und einmal ihre Zufriedenheit mit dem jeweiligen Faktor. Die Bewertung wurde auf einer Schulnotenskala von 1 bis 6 vorgenommen, wobei 1 eine Bewertung von sehr wichtig beziehungsweise sehr zufrieden darstellt und 6 für vollkommen unwichtig beziehungsweise sehr unzufrieden steht.

Die Ergebnisse werden im Folgenden aufgegliedert in Kategorien:

  1. Harte Standortfaktoren
  2. Innerstädtische Standortfaktoren
  3. Kommunale Kosten und Leistungen
  4. Arbeitsmarktrelevante Standortfaktoren

Zur Einordnung der Ergebnisse werden die Zufriedenheitsbewertungen in Jüchen zusätzlich mit den Ergebnissen der vorherigen Standortbefragungen am Mittleren Niederrhein seit 2020 sowie mit den Ergebnissen in Jüchen in der letzten Befragung im Jahr 2020 verglichen.

2.1 Jüchen als Wirtschaftsstandort

In der Befragung bewerteten die Unternehmerinnen und Unternehmer zunächst Jüchen allgemein als Wirtschaftsstandort. Hierbei erhielt Jüchen die Note 2,89. Bei den vergangenen Standortanalysen der IHK Mittlerer Niederrhein seit 2020 lag die Durchschnittsnote bei 2,70. Jüchen schneidet also nur etwas schlechter ab als der Durchschnitt der Wirtschaftsstandorte am Mittleren Niederrhein in den letzten Jahren und leicht schlechter als im Jahr 2020 (Note: 2,71). Hierzu muss festgestellt werden, dass sich der Wirtschaftsstandort Deutschland insgesamt in einer strukturellen Krise befindet. Während konjunkturelle Effekte kaum Einfluss auf die kommunale Standortqualität haben, kann sich der Wirtschaftsstandort Jüchen von der sich verschlechternden internationalen Wettbewerbsfähigkeit des Wirtschaftsstandorts Deutschland allerdings nicht abkoppeln.

Schaut man auf die Bewertungen der Themenfelder, zeigt sich, dass sich die zufriedenstellende Gesamtzufriedenheit der Unternehmen auch dort widerspiegelt. Die verschiedenen Standortfaktoren werden insgesamt im Durchschnitt in Jüchen mit der Zufriedenheit 3,31 bewertet. Das liegt etwa im Schnitt der Bewertung am Mittleren Niederrhein in den letzten Jahren. Der Blick in die einzelnen Themenfelder zeigt, dass Jüchen als Wirtschaftsstandort aus der Sicht der antwortenden Unternehmen bei den Arbeitsmarktfaktoren besser als der Mittlerer Niederrhein beurteilt wird. Die kommunalen Kosten und Leistungen werden genauso bewertet wie in der Region im Durchschnitt. Bei den harten Standortfaktoren und der Bewertung der Innenstadt liegt die negative Bewertungsdifferenz zum Mittleren Niederrhein jeweils bei 0,18 Prozentpunkten.

Nichtsdestotrotz lohnt ein Blick in die Einzelbewertungen, um zu sehen, welche Standortfaktoren besonders für gute oder schlechte Bewertungen in den Themenbereichen verantwortlich sind und in welchen Bereichen in Jüchen Entwicklungspotenziale zu finden sind.

Die folgende Aufzählung gibt zunächst einen Überblick über die zehn insgesamt wichtigsten Standortfaktoren aller Themenfelder aus Sicht der Unternehmerinnen und Unternehmer in Jüchen. Der insgesamt wichtigste Faktor ist die Informations- und Kommunikationsinfrastruktur. Zusammen mit der Verkehrsanbindung an das Straßen- und Autobahnnetz und der Sicherheit im Stadtzentrum bildet dieser die Top-3-Faktoren. Des Weiteren spielen auch die Höhe des Gewerbesteuerhebesatzes und der öffentlichen Gebühren sowie der Zustand der überörtlichen Straßeninfrastruktur, der Digitalisierungsgrad der Kommunalverwaltung, die Höhe des Grundsteuerhebesatzes, die Kommunikation mit der Kommunalverwaltung und die Bestandspflege ortsansässiger Betriebe eine wichtige Rolle für die Jüchener Unternehmer.

Die 10 wichtigsten Standortfaktoren

  1. Informations- und Kommunikationsinfrastruktur (Internet etc.)
  2. Verkehrsanbindung an das Straßen- und Autobahnnetz
  3. Sicherheit im Stadtzentrum
  4. Höhe des Gewerbesteuerhebesatzes
  5. Höhe öffentlicher Gebühren
  6. Zustand der überörtlichen Straßeninfrastruktur (Landstraßen, Autobahnen)
  7. Digitalisierungsgrad der Kommunalverwaltung
  8. Höhe des Grundsteuerhebesatzes
  9. Kommunikation mit der Kommunalverwaltung
  10. Bestandspflege der ortsansässigen Unternehmen beziehungsweise Nähe der Wirtschaftsförderung zu Unternehmen

2.2 Bewertungen im Detail

Im Folgenden werden die einzelnen Standortfaktoren in den Themenfeldern im Hinblick auf ihre Bedeutung und die durch die Unternehmer gegebene Zufriedenheitsbewertung untersucht.

Die Abweichung der Zufriedenheitsbewertung zum Mittleren Niederrhein wird anhand der Bewertungslücke (Differenz zwischen Note in Jüchen und dem Schnitt des Mittleren Niederrheins in den letzten fünf Jahren) gekennzeichnet. Eine große negative Lücke zeigt dabei an, dass die Bewertung in Jüchen schlechter ist als am Mittleren Niederrhein.
Da ein besonderes Augenmerkt all jenen Faktoren gelten sollte, die von den Jüchener Unternehmern als wichtig angesehen werden, werden die Faktoren in den Abbildungen absteigend nach ihrer Wertigkeit dargestellt.

Um auch die individuelle Entwicklung des Standorts zu berücksichtigen, werden die Zufriedenheitsbewertungen der aktuellen Umfrage in Jüchen mit den Ergebnissen aus der letzten Befragung im Jahr 2020 verglichen.

2.2.1 Harte Standortfaktoren

Informations- und Kommunikationsinfrastruktur (IuK) verbessert

Der wichtigste Standortfaktor in diesem Themenfeld (sowie der wichtigste aller Faktoren in der Umfrage) ist die IuK. Sie umfasst sowohl die Breitbandinfrastruktur als auch den Mobilfunkempfang und erhält von den Unternehmen in Jüchen die Note 3,00. Das ist besser als am Mittleren Niederrhein im Schnitt. Zu betonen ist hier zusätzlich, dass sich die Bewertung dieses Faktors trotz erheblich gestiegener Anforderungen seit der letzten Umfrage verbessert hat (0,15 Prozentpunkte). Dennoch zeigt die Bewertung, dass viele Unternehmerinnen und Unternehmer hier weiterhin Verbesserungsbedarf sehen.

Gute Noten für die Verkehrsinfrastruktur

Der zweitwichtigste Faktor ist gleichzeitig auch der Faktor mit der besten Bewertung der gesamten Umfrage. Mit der guten Note 1,95 wird die Verkehrsanbindung an das Straßen- und Autobahnnetz besser bewertet als am Mittleren Niederrhein (2,01) und besser als im Jahr 2020 in Jüchen (2,00). Der Zustand der überörtlichen Straßeninfrastruktur (Landstraßen, Autobahnen) wird mit 2,92 hingegen schlechter bewertet als am Mittleren Niederrhein (2,65) und in der Vorumfrage (2,81).

Nähe zu wichtigen Kunden durchschnittlich bewertet

Die Nähe zu wichtigen Kunden erhält die Note 2,85 und ist damit etwa im Schnitt am Mittleren Niederrhein (2,76). Die Jüchener Unternehmer sehen in diesem Faktor eine Verschlechterung von 0,24 Prozentpunkten gegenüber 2020. Das Angebot an unternehmensnahen Dienstleistern (3,28) und der Faktor Image und Bekanntheitsgrad des Standorts (3,46) erhalten unterdurchschnittliche Bewertungen. Der zuletzt genannte Faktor hat sich seit 2020 um 0,11 Prozentpunkte verbessern können. Die Bewertung des Angebots an unternehmensnahen Dienstleistern überrascht nicht. Die Analyse der amtlichen Daten hatte schließlich gezeigt, dass die sonstigen Dienstleistungen in Jüchen weniger stark präsent sind als in NRW und im Rhein-Kreis.

Energiekosten werden kritisch bewertet

Ein weiterer wichtiger Faktor für die Unternehmen sind die Energiekosten. Sie werden mit 3,91 bewertet. Diese Bewertung spiegelt die Energiepreisproblematik, wie sie auch den Rest der Wirtschaft in Deutschland und in der Region betrifft.

Wohnungsangebot im Schnitt des Mittleren Niederrheins

Die Miet- und Pachtpreise (3,64) und die Grundstückspreise (3,80) liegen mit ihrer Bewertung leicht hinter dem Schnitt am Mittleren Niederrhein (3,52 beziehungsweise 3,71) und haben sich seit der Vorumfrage verschlechtert. Das Wohnungsangebot (3,73) liegt etwa im Schnitt des Mittleren Niederrheins (3,69).

Ladeinfrastruktur mit Verbesserungspotenzial

Der Faktor Möglichkeiten für nachhaltiges Wirtschaften am Standort wird erst seit 2021 erhoben, gehört jedoch aus Sicht der Jüchener Unternehmen bereits zu den wichtigeren Faktoren der harten Standortfaktoren. Das nachhaltige Wirtschaften am Standort erhält jedoch nur eine 3,34, was schlechter ist als am Mittleren Niederrhein (3,09). Die Ladeinfrastruktur für E-Fahrzeuge, wenngleich ein weniger bedeutsamer Faktor, erhält mit 4,33 eine Note, die deutlich unter dem Schnitt des restlichen IHK-Bezirks (3,92) liegt.

Deutliche Verbesserung bei der Verkehrsanbindung an den Luftverkehr

Die Anbindung an den ÖPNV wird mit der Note 3,84 bewertet – und damit deutlich schlechter als im Durchschnitt am Mittleren Niederrhein. Nur die Ladeinfrastruktur für E-Fahrzeuge und die Energiekosten werden schlechter bewertet. Gerade für die Gewinnung von Fachkräften und vor allem Auszubildenden dürfte eine gute ÖPNV-Erreichbarkeit perspektivisch ein immer bedeutenderer Standortfaktor werden. Die Anbindung an den Luftverkehr (2,82) und die Schienenwege (3,79) werden ebenfalls schlechter als der Durchschnitt am Mittleren Niederrhein bewertet. Immerhin: Der Luftverkehr hat eine bessere Bewertung erhalten als 2020 und die Bewertung selbst ist die zweitbeste im Themenfeld. Von den drei genannten Faktoren haben vor allem die letzten beiden die geringste Bedeutung für die Jüchener Unternehmen. Dennoch sind diese Faktoren für einzelne, größere und global tätige Unternehmen bedeutsam und damit ein wichtiger Standortfaktor.

2.2.2 Innerstädtische Standortfaktoren

 

Sicherheit im Stadtzentrum als wichtigster Innenstadt-Faktor

Der wichtigste Faktor in diesem Themenfeld ist die Sicherheit im Stadtzentrum. Die Bewertung ist seit 2020 um 0,19 Prozentpunkte gesunken und liegt nun bei 2,87. Die Bewertung ist gleichauf mit dem Schnitt am Mittleren Niederrhein.

Parkplatzangebot negativ bewertet

Der nächstwichtigste Faktor, das Parkplatzangebot, wird mit 3,63 insgesamt unterdurchschnittlich bewertet. Die Bewertung liegt 0,43 Prozentpunkte unter dem Schnitt des Mittleren Niederrheins. Der Standortfaktor wird nur leicht schlechter bewertet als 2020 in Jüchen. Die Höhe der Parkgebühren (2,76) hingegen wird als einer von drei Faktoren in diesem Themenfeld besser bewertet als am Mittleren Niederrhein. Eine gute Erreichbarkeit ist für Handelsstandorte weiterhin von immenser Bedeutung. In Jüchen sehen die Innenstadtakteure insbesondere Dauerparker als Problem an.

Einkaufsmöglichkeiten in Jüchen besser bewertet als am Mittleren Niederrhein

Der Branchenmix beziehungsweise die Einkaufsmöglichkeiten werden mit 2,98 gut bewertet. Im Vergleich zur Vorumfrage gibt es hier keine merkliche Verschlechterung und die Benotung ist besser als am Mittleren Niederrhein im Schnitt. Beim Stadtbild (3,51) hingegen erhält Jüchen schlechtere Bewertungen als die restliche Region. Jüchen hat allerdings auch keine richtige „Innenstadt“ – vielleicht mit Ausnahme der direkten Umgebung rund um den Marktplatz.

Innerstädtische Verkehrsinfrastruktur besser bewertet als 2020

Sowohl der Zustand des innerstädtischen Straßennetzes (3,01) als auch die innerstädtischen Verkehrsverhältnisse (3,16) wurden von den Unternehmen in Jüchen besser bewertet als 2020. Der zuerst genannte Faktor wird auch im Vergleich zur Region besser bewertet.

Auch das Freizeitangebot wurde besser bewertet 

Das Naherholungs- und Freizeitangebot (3,44) wird besser bewertet als im Jahr 2020, allerdings hat Jüchen trotzdem Aufholbedarf zum Mittleren Niederrhein (2,82). Das kulturelle Angebot (3,54) wird mit unterdurchschnittlichen Noten von den Jüchener Unternehmen bewertet. Die Bewertung hat sich seit 2020 etwas verschlechtert.

2.2.3 Kommunale Kosten und Leistungen

  

Schlechte Bewertung von kommunalen Kosten

Im Themenfeld der kommunalen Kosten und Leistungen ist die Höhe des Gewerbesteuerhebesatzes der wichtigste Faktor für die Unternehmen. Er wird mit 4,01 deutlich schlechter bewertet als am Mittleren Niederrhein im Schnitt. Auch im Vergleich zur Vorumfrage wurde die Bewertung wurde dieser Faktor deutlich schlechter bewertet. Insgesamt gab es seit 2020 eine Erhöhung bei der Gewerbesteuer von 450 auf 470 Punkten.  Von den kreisangehörigen Kommunen liegen nur Grefrath, Tönisvorst und Dormagen auf einem höheren Niveau. Die gesamte Region ist ein steuerteurer Standort. Der durchschnittliche Hebesatz liegt bundesweit bei circa 437 Punkten. Die Gewerbesteuerhebesätze liegen somit deutlich über dem Bundesschnitt. Die Höhe des Grundsteuerhebesatzes wird mit 4,11 ebenfalls deutlich negativer bewertet als am restlichen Mittleren Niederrhein. Hier spiegelt die Bewertung wider, dass der Hebesatz in Jüchen deutlich über dem Kreisdurchschnitt liegt. Die Befragung fand vor Inkrafttreten der Grundsteuerreform statt. Jüchen erhebt einen einheitlichen Grundsteuerhebesatz. Bezogen auf Kommunen mit einheitlichem Hebesatz liegen nur Grevenbroich und Mönchengladbach über dem Jüchener Wert. Die Höhe der öffentlichen Gebühren schneidet mit 3,65 ähnlich ab wie am Mittleren Niederrhein im Schnitt. Im Vergleich zur Vorumfrage hat sich die Bewertung dieses Faktors nur leicht verschlechtert.

Positive Bewertung für die kommunalen Leistungen

Jüchen ist zwar teuer, aber die Unternehmen sind mit den kommunalen Leistungen zum Großteil zufrieden. Verbesserungspotenziale gibt es allerdings beim wichtigsten Standortfaktor. Der Digitalisierungsgrad der Verwaltung erhält mit der Note 3,61 eine minimal bessere Bewertung als im IHK-Bezirk im Schnitt. Die Kommunikation mit der Kommunalverwaltung (2,80) erhält sogar eine deutlich bessere Bewertung als die restliche Region. Beide Faktoren werden erst seit 2021 erhoben und haben deshalb keine Referenzwerte aus dem Jahr 2020 in Jüchen. Die behördliche Reaktionszeit und die Erreichbarkeit beziehungsweise die Öffnungszeiten der Behörden schneiden mit 3,12 beziehungsweise 2,86 ebenfalls deutlich besser ab als der Schnitt am Mittleren Niederrhein, auch wenn der zuletzt genannte Faktor eine sehr leichte Verschlechterung seit 2020 verzeichnet.  Eine starke Verbesserung seit 2020 erzielt die Dauer von Plan- und Genehmigungsverfahren (3,49), auch wenn die Bewertung selbst noch Verbesserungspotenziale aufzeigt.

Angebote der Wirtschaftsförderung erhalten Note 3,5

Die Bestandspflege der ortsansässigen Betriebe (3,80) sowie die Service- und (Netzwerk-)Angebote der Wirtschaftsförderung (3,47) werden derzeit etwas kritischer bewertet als im Durchschnitt des IHK-Bezirks. Zudem sind beide Bewertungen im Vergleich zur Vorumfrage zurückgegangen. Dabei sollte berücksichtigt werden, dass die Wirtschaftsförderung aktuell nur mit einer Stelle besetzt ist, die erst vor Kurzem neu übernommen wurde. In anderen Kommunen vergleichbarer Größe oder sogar kleineren Kommunen im IHK-Bezirk setzen die Verwaltungen häufig auf ein größeres Team für diesen Aufgabenbereich – oft mit positiven Effekten.

2.2.4 Arbeitsmarktrelevante Faktoren

 

Gutes Wohnumfeld für die Mitarbeitenden besonders wichtig

In dem Themenfeld der arbeitsmarktrelevanten Standortfaktoren geht es vor allem um jene Faktoren, die die Bildung, Bindung und Akquise von Fachkräften beeinflussen. Am wichtigsten ist den Jüchener Unternehmen hierbei, dass der Standort ihren Mitarbeitenden ein gutes Wohnumfeld bietet. Das Wohnumfeld für Mitarbeitende sowie die Möglichkeiten zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf werden mit der Note 2,85 beziehungsweise 3,09 fast identisch wie am Mittleren Niederrhein im Schnitt bewertet. Während der zuerst genannte Faktor 2020 noch nicht erhoben wurde, hat sich die Bewertung der Vereinbarkeit von Familie und Beruf in diesem Zeitraum merklich verbessert (0,37 Prozentpunkte).

Lernqualität an allgemeinbildenden Schulen verbessert

Auch das Angebot an Weiterbildungen und Hochschulen sowie die Lernqualität an den Schulen der Region hat für die Unternehmen einen hohen Stellenwert. Das Weiterbildungsangebot liegt mit der Bewertung 3,22 hinter dem Schnitt der Region und konnte seit 2020 keine merkliche Verbesserung erzielen. Im Gegensatz zur Lernqualität an allgemeinbildenden Schulen (3,02), die durch eine Verbesserung von 0,34 Prozentpunkten nun besser bewertet wird als im IHK-Bezirk im Schnitt. Ähnlich sieht es auch mit der Lernqualität an Berufsschulen aus, die eine 3,07 erhält. In der Zusammenarbeit zwischen Betrieben und Schulen (3,34) sehen die Unternehmen in Jüchen eine deutliche Verschlechterung seit 2020. Die lokale Verfügbarkeit der Fachkräfte sowie deren Qualifikation werden mit der Note 3,45, damit schlechter als 2020, aber noch immer besser als am Mittleren Niederrhein bewertet.

 

3. Fazit und Handlungsempfehlungen

Die IHK-Standortanalyse für die Stadt Jüchen offenbart viele erfreuliche Daten. Die Beschäftigung wächst – wenn auch von niedrigem Niveau aus. Die Arbeitslosigkeit ist gering und die Kaufkraft überdurchschnittlich hoch. Die Daten zeigen aber auch, dass der Standort Jüchen steuerschwach ist – insbesondere sind die Gewerbesteuererträge für die Größe der Kommune sehr gering. Der Stadt ist es bislang nur unzureichend gelungen, steuerstarke Unternehmen an den Standort zu binden. Daraus hat sich bereits ein Teufelskreis entwickelt. Aufgrund der finanziellen Lage hat die Stadt Jüchen zuletzt wiederholt den Gewerbesteuerhebesatz angehoben, der mittlerweile mit 470 Punkten der zweithöchste im Kreisgebiet ist.

Die finanziellen Herausforderungen für die Städte und Gemeinden werden in den kommenden Jahren steigen. Die Transformation wird Geld kosten. Insofern wird es von großer Bedeutung sein, steuerstarke Unternehmen an den Standort zu binden, um mehr finanzielle Möglichkeiten zu haben. Die Ergebnisse der Standortanalyse haben gezeigt, dass die Unternehmen in Jüchen zufrieden sind mit der Standortqualität. Die Erreichbarkeit wird gut bewertet, die Informations- und Kommunikationsinfrastruktur erhält eine bessere Bewertung als in der Vorumfrage, und mit dem Themenfeld der kommunalen Leistungen kann die Stadt Jüchen in vielfacher Hinsicht punkten – zum Beispiel bei der Kommunikation, der Erreichbarkeit oder den Reaktionszeiten. Eine kritische Bewertung erfährt der Standort insbesondere bei den kommunalen Kosten.

Um die Attraktivität des Standorts Jüchen zu erhöhen, möchten wir mit der IHK-Standortanalyse zu folgenden Verbesserungspunkten anregen:

Industriepark Elsbachtal weiterführen

Die Kommunen Jüchen und Grevenbroich bereiten die Realisierung des interkommunalen Industriegebiets an der B59n vor. Hier wurde auf einer Fläche von 50 Hektar (ha) ein Angebot für emittierende und flächenintensive Betriebe des Produzierenden und Verarbeitenden Gewerbes geschaffen, das aktuell vermarktet wird. Der Standort ist strukturwandelrelevant und bietet Erweiterungspotenziale in östliche und westliche Richtung. Diese sollten genutzt werden.

Interkommunales Gewerbe- und Industriegebiet Jüchen / Titz Dreieck Jackerath perspektivisch planen

Im Bereich des Tagebaus Garzweiler soll mit dem Innovation Valley ein zentraler Wirtschaftsraum geschaffen werden. Das Gebiet wird auf vielfältige Weise genutzt werden können. Es soll als Standort für Wirtschaft, Wohnen, Tourismus, Forschung und Dienstleistungen entwickelt werden. Als erste Pionierstation des Innovation Valley soll zwischen Jüchen und Titz im Bereich des Autobahndreiecks Jackerath ein interkommunales Gewerbe- und Industriegebiet geschaffen werden. Dieses Gebiet kann schon heute außerhalb der Flächen des Tagebaus entwickelt werden. Wir unterstützen diese Planung und regen an, ein Konzept zu entwickeln und vorsorgliche Flächendarstellungen in den beiden Regionalplänen Düsseldorf und Köln vorzunehmen.

Mit dem Innovationspark Erneuerbare Energien Jüchen Vorbild sein

Der Innovationspark Erneuerbare Energien Jüchen treibt die Transformation des Rheinischen Reviers hin zu einer Modellregion für die Energiewende voran und sichert dessen Rolle als Energieregion auch in Zukunft. Im Mittelpunkt steht die Entwicklung eines integrierten Energiesystems, das verschiedene Formen der regenerativen Energieerzeugung mit Speicher- und Wandlungssystemen sowie Energieabnehmern, wie Gewerbegebieten, vernetzt. Der Innovationspark umfasst fünf Teilprojekte und bietet Unternehmen die Möglichkeit, neue Produkte und Technologien direkt vor Ort zu erproben. Wir unterstützen dieses Projekt und empfehlen, die notwendigen Flächendarstellungen im Regionalplan Düsseldorf zeitnah vorzunehmen.

Gewerbeflächenentwicklung Sasserath weiterverfolgen und umsetzen

Im Regionalplan Düsseldorf bietet der Bereich Sasserath ein bedeutendes Potenzial für eine gewerbliche Entwicklung. Hier sind Flächen für ein interkommunales Gewerbegebiet der Städte Mönchengladbach (36 ha) und Jüchen (24 ha) realisierbar. Diese Entwicklungsoption sollte nicht aufgegeben, sondern weiterverfolgt werden.

Flächendeckender Breitbandausbau und leistungsfähige Mobilfunknetze

Eine leistungsstarke digitale Infrastruktur, insbesondere ein flächendeckender Breitbandausbau, ist Voraussetzung für eine erfolgreiche Umsetzung der digitalen Transformation sowie für die Entwicklung KI-gestützter Geschäftsmodelle. Für Unternehmen ist sie Grundlage für eine reibungslose Abwicklung ihrer Geschäfte. Bedeutende Voraussetzung für Zukunftstechnologien ist das leistungsfähige Mobilfunknetz. Hier gibt es nach Ansicht von Jüchener Unternehmen aber noch Verbesserungspotenziale. Die Rückmeldungen aus Jüchen zum Glasfaserausbau waren dagegen zuletzt positiv. Dennoch sollte dieses Thema weiterhin vorangetrieben werden. Gewerbe- und Industriestandorte sollten beim Ausbau mit Priorität behandelt werden.

ÖPNV muss leistungsfähiger werden

Ein leistungsfähiges ÖPNV-Angebot kann den Druck auf die Infrastruktur grundsätzlich entlasten, wenn dieses bezüglich Taktung, Sicherheit, Sauberkeit und auch bezogen auf die Anbindung zwischen Stadt und ländlichem Umland eine attraktive Alternative darstellt. In Jüchen wird beispielsweise die Busanbindung an den Bahnhof als verbesserungswürdig eingestuft.

Bahnhof attraktivieren

Zur Attraktivierung des Schienenpersonennahverkehrs (SPNV) sind attraktive Bahnhöfe sowie zusätzliche Haltepunkte notwendig. Eine ausreichende Zahl an Park-and-Ride-Plätzen an den Bahnhöfen ist wichtig, um das Pendeln der Mitarbeitenden zu den Unternehmen sicher und verlässlich zu gestalten. Der Bahnhof Jüchen wird von den Unternehmen als wenig attraktiv wahrgenommen. Für das Umfeld ist die Stadt, für den Bahnhof selbst die Deutsche Bahn zuständig. Gemeinschaftlich sollte die Attraktivierung angegangen werden.

Strukturwandel in interkommunaler Zusammenarbeit begleiten

Auslöser des Strukturwandels im Rheinischen Revier ist der beschleunigte Ausstieg aus der Kohleverstromung. Der Strukturwandel ist eine Generationenaufgabe, bei der gemeinschaftliches Handeln notwendig ist. Wir unterstützen vor diesem Hintergrund interkommunale Zusammenarbeit zur positiven Gestaltung des Strukturwandels. Das Rheinische Revier bekommt umfangreiche Strukturmittel in Aussicht gestellt. Es müssen gemeinsam Projektideen entwickelt und qualifiziert werden, um von den Strukturmitteln bestmöglich zu partizipieren. Wir fordern und unterstützen sämtliche Aktivitäten zur Schaffung neuer Wertschöpfung und neuer Arbeitsplätze im Rheinischen Revier

Lkw-Parkplätze ausbauen

Die Anzahl der Lkw-Parkplätze hält trotz getätigter Ausbaumaßnahmen nicht mit dem aktuellen und zukünftig prognostizierten Bedarf Schritt. Weitere sichere Abstellmöglichkeiten, inklusive sanitärer Einrichtungen, müssen vom Bund entlang der wichtigen Verkehrsachsen geschaffen werden. Auch in den Gewerbe- und Industriegebieten gilt es, die Wachstumsbedarfe abzudecken. Auch die zusätzliche Ausstattung mit E–Ladeinfrastruktur und entsprechenden Kapazitäten für BEV-Lkw ist hierbei zu berücksichtigen. Für Jüchen wird ein Autohof in Gubberath angeregt.

Erlebnisse schaffen – privates Engagement fördern – Bürokratie verringern

Eine Aufwertung wird der Handel vor allem dann erhalten, wenn Erlebnisse in der Innenstadt geschaffen werden – zum Beispiel in Form von Veranstaltungen. Auf der anderen Seite sollte privates Engagement (weiterhin) gefördert werden. Bei privat organisierten Veranstaltungen, die zur Aufwertung des Standorts beitragen, sollte die Bürokratie – so gut es geht – verringert werden. Die Kommunen sollten mit den Organisatoren partnerschaftlich zusammenarbeiten. Für Jüchen wird angeregt, den Marktplatz zu modernisieren.

Sondernutzungsgebühren gering halten

Eine attraktive Außengastronomie sorgt auch für eine Belebung der Innenstädte. Die Verwaltung kann die Gastronomen mit vielen kleineren Maßnahmen unterstützen. Unter anderem sollten Sondernutzungsgebühren so gering wie möglich gehalten werden. In Jüchen wird etwa angeregt, dass die Teilnahme an Stadtfesten wie der „Sommersause“ durch eine Senkung der Standgebühren oder die Schaffung alternativer Preismodelle gerade für kleine Unternehmen erschwinglicher wird.

Wettbewerbsfähige Grund- und Gewerbesteuerhebesätze

Die Stadt Jüchen hat weiterhin einen – auch für die Region – überdurchschnittlich hohen Gewerbesteuerhebesatz von 470 Punkten. Die Kommune sollte perspektivisch daran arbeiten, den Satz zumindest auf den immer noch hohen NRW-Durchschnitt der kreisangehörigen Kommunen zu senken. Beim Grundsteuerhebesatz hat Jüchen das Modell eines einheitlichen Hebesatzes gewählt. Das sollte beibehalten werden. Bei differenzierten Grundsteuerhebesätzen werden Nichtwohngebäude höher besteuert als Wohngebäude. Damit müsste die Wirtschaft – gemessen am Grundstückswert – höhere Grundsteuern zahlen.

RAL-Gütezeichen Mittelstandsorientierte Kommunalverwaltung – Zertifizierung erwerben und dauerhaft sichern

Wir empfehlen der Kommune, Mitglied der Gütegemeinschaft Mittelstandsorientierte Kommunalverwaltungen e. V. zu werden und das Zertifikat der „Mittelstandsorientierten Kommunalverwaltung“ zu erwerben. Der Zertifizierungsprozess zeigt auf, an welchen Stellen möglicherweise noch Verbesserungsbedarf bei den wichtigsten Prozessen mit Unternehmerinnen und Unternehmern besteht. Das Zertifikat ist ein gutes Signal nach außen, das zeigt, dass die Kommune wirtschaftsfreundlich arbeitet.

Personelle und finanzielle Ausstattung in wirtschaftsnahen Bereichen sicherstellen

In allen wirtschaftsnahen Bereichen der Jüchener Verwaltung sollte die personelle Ausstattung sichergestellt werden. Die Bereiche müssen personell quantitativ und qualitativ gut besetzt sein, um die anstehenden Herausforderungen zu bewältigen.

Starke Wirtschaftsförderung notwendig

Die Wirtschaftsförderung der Stadt Jüchen sollte über ausreichende finanzielle und personelle Ressourcen verfügen. Schließlich kommt ihr im Strukturwandelprozess eine bedeutende Rolle zu. Die Wirtschaftsförderung ist zwar haushaltstechnisch eine freiwillige Leistung, aber es sind insbesondere die Unternehmen, die durch Gewerbesteuerzahlungen und Arbeitsplätze für die finanzielle Stabilität einer Kommune sorgen. Dabei sollte eine Hauptaufgabe immer sein, dass die Mitarbeitenden die Brücke zwischen der Wirtschaft und weiteren Einheiten der Kommunalverwaltung sind. Die Wirtschaftsförderung sollte das Angebot vorhalten, Unternehmen mit einem Anliegen, das auch andere Ämter betrifft, innerhalb der Verwaltung zu vermitteln – im Sinne einer One-Stop-Agency. Das führt dazu, dass der Unternehmer nur einen Ansprechpartner hat. Die Wirtschaftsförderung sollte die Unternehmen auf dieses Angebot aufmerksam machen (beispielsweise durch ihre Homepage, Unternehmensbesuche, Unternehmerfrühstücke, Newsletter).

Haushaltskonsolidierung durch Aufgabenkritik

Die Haushaltslage der Stadt Jüchen bleibt herausfordernd. Die Probleme der Kommunen werden in den kommenden Jahren zunehmen. An einer Haushaltskonsolidierung führt kein Weg vorbei. Mit Blick auf die zu erwartenden Finanzierungsprobleme müssen Städte und Gemeinden insbesondere ihre Ausgaben reduzieren. So sollten sie weiterhin eine Aufgaben-kritik betreiben und bei ihren Pflichtausgaben die Standards überprüfen. Dies sollte allerdings nicht zu einem undifferenzierten Personalabbau führen. Ausreichend personelle Ressourcen sollten vor allem auch in den Bereichen der Stadtverwaltung vorhanden sein, die für die Standortqualität des Wirtschaftsstandorts wichtig sind. Dadurch lassen sich Gewerbesteuererträge generieren. Wird die Wirtschaft vor Ort gestärkt, lassen sich langfristig auch freiwillige Ausgaben besser finanzieren. Klar ist auch: Die Ausweisung von weiteren Gewerbeflächen ist perspektivisch die beste Haushaltspolitik.