Vietnam
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Die Verhaltenstipps und eine Zusammenfassung unseres Ratgebers zum interkulturellen Umgang in Vietnam stellen wir Ihnen zum Download zur Verfügung. Rufen Sie sich die PDF-Datei auf und speichern Sie sie auf Ihrem Mobilgerät (Tablet/Smartphone).
Zum DownloadVietnam zählt zu den dynamischsten Volkswirtschaften Südostasiens und gewinnt für deutsche Unternehmen zunehmend an Bedeutung – sei es als Produktionsstandort, Absatzmarkt oder Kooperationspartner. Erfolgreiche Geschäftsbeziehungen erfordern dabei jedoch mehr als fachliche Kompetenz und wirtschaftliches Know-how. Ein fundiertes Verständnis der vietnamesischen Gesellschaft, ihrer Werte, Kommunikationsstile und Geschäftspraktiken ist entscheidend, um Vertrauen aufzubauen, Missverständnisse zu vermeiden und langfristig erfolgreich zusammenzuarbeiten.
Dieser Überblick zur interkulturellen Kompetenz in Vietnam vermittelt zentrale kulturelle Hintergründe, gesellschaftliche Werte und praktische Handlungsempfehlungen für den beruflichen und geschäftlichen Umgang. Er richtet sich an Unternehmen, Fach- und Führungskräfte sowie alle, die beruflich mit Vietnam in Kontakt stehen und ihre Zusammenarbeit respektvoll, souverän und kultursensibel gestalten möchten.
Gesellschaft & Wertvorstellung
ÜberblickVietnam ist eine Gesellschaft, die tief in ihren gemeinschaftlichen und familiären Werten verwurzelt ist. Das Denken und Handeln vieler Vietnamesinnen und Vietnamesen wird stark vom Prinzip des Tập thể (Gemeinschaft) geprägt – das Wohl der Gruppe steht über den Interessen des Einzelnen. Familie, Nachbarschaft und Kollegenkreis bilden das soziale Netz, in dem man sich gegenseitig unterstützt. Entscheidungen, ob privat oder beruflich, werden oft gemeinsam besprochen, und Harmonie gilt als oberstes Ziel.
Wer Vietnam verstehen möchte, sollte Märkte, Tempel, Cafés und Feste besuchen. In persönlichen Begegnungen mit Bekannten, Kolleginnen und Kollegen oder Nachbarn kann man viel über die vietnamesische Kultur lernen. Die meisten Menschen in Vietnam freuen sich über Nachfragen zu ihrer Kultur und ihren Bräuchen und geben gerne Auskunft.
Kulturstandards
VergleichDeutschland
- Sachorientierung: Konzentration auf Inhalte und Aufgaben (Priorität). Über die Sache wird eine (Personen-)Beziehung hergestellt.
- Hierarchieorientierung: Bewusstsein für Hierarchien ist unterschiedlich ausgeprägt. Unterschiede in der Stellung werden von Leistung und Qualifikation abhängig gemacht.
- Regelorientierung: Regeln und Strukturen sind wichtig. Sie dienen zur Risikominimierung, Orientierung, Kontrolle und Fehlervorbeugung.
- Individualismus: Die Freiheit des Einzelnen sowie das Streben nach Selbstverwirklichung stehen im Mittelpunkt.
- Kommunikationsstil: Man sagt, was man denkt, eindeutig und unverschlüsselt. Das „Was“ ist wichtig, nicht das „Wie“.
- Zeitverständnis: Monochron – Pünktlichkeit und langfristige Planung sind wichtig.
- Trennung von Persönlichkeits- und Lebensbereichen: Beruf und Privates werden ungern vermischt.
- Leistungs- vs. Beziehungsorientierung: Kompetenz und Qualifikation zählen.
Vietnam
- Beziehungsorientierung: Beziehungen sind Grundlage jeder Zusammenarbeit; Vertrauen entsteht über persönlichen Kontakt.
- Hierarchieorientierung: Deutliche Hierarchie; Alter, Rang und Titel bestimmen Ansehen und Einfluss.
- Regelorientierung: Flexibilität und situationsbezogene Entscheidungen sind wichtiger als feste Regeln.
- Individualismus: Gemeinschaftsdenken, Loyalität und Familienbindung dominieren.
- Kommunikationsstil: Indirekt, kontextbezogen, höflich und gesichtswahrend.
- Zeitverständnis: Eher polychron – Zeit ist flexibel, soziale Verpflichtungen können Vorrang haben. Dennoch sind Vietnamesen pünktlich bei Terminen mit ausländischen Partnern. Längerfristige Planung ist flexibler.
- Trennung von Persönlichkeits- und Lebensbereichen: Freundschaften und Geschäftsbeziehungen überschneiden sich häufig.
- Leistungs- vs. Beziehungsorientierung: Vertrauen, Harmonie und Netzwerkpflege sind entscheidend.
Verhaltenstipps
Erste Begegnung
Begrüßung
Ein respektvoller Händedruck, begleitet von einem freundlichen Lächeln und leichtem Nicken, ist die übliche Begrüßung, wenn Vietnamesen auf Ausländer treffen. Frauen sollte man nur die Hand geben, wenn diese den ersten Schritt tun, ansonsten reicht ein freundliches Lächeln mit einem Nicken aus.
Vietnamesen schätzen Zurückhaltung und Höflichkeit. Vermeiden Sie einen festen Händedruck oder übermäßige Gestik sowie körperlichen Kontakt wie Umarmungen oder Küsschen. Ein höfliches Kopfnicken zeigt Respekt.
Visitenkarten
Visitenkarten sollten Sie mit beiden Händen überreichen und entgegennehmen. Verwenden Sie Englisch oder zweisprachige Karten (Englisch/Vietnamesisch). Achten Sie darauf, die Karte so zu übergeben, dass sie sofort lesbar ist. Titel und Positionen sollten vollständig angegeben sein, da sie Ansehen und Vertrauen fördern.
Anrede
Vietnamesen haben typsicherweise drei Namen, die der folgenden Struktur folgen: Familienname – Mittelname – Rufname. Manche Vietnamesen haben zwei Mittelnamen, manche auch keinen.
Angesprochen wird man in Vietnam mit der Anrede und dem Rufnamen. Nachnamen werden hier nicht genutzt. Eine typische Anrede wäre also „Mr. Tiep“ für einen Mann mit dem Namen Ngyuen Khac Tiep bzw. formeller „Director Tiep“, wenn er Direktor ist. Wenn man sich besser kennt, lässt man die Anrede weg und spricht sich nur mit dem Rufnamen an.
Kleidung
Die Kleidung ist formell und gepflegt, insbesondere bei Erstkontakten. Männer tragen Hemd und lange Hose, Frauen dezente Business-Kleidung. Zu auffällige Farben oder Freizeitkleidung wirken respektlos.
Pünktlichkeit
Pünktlichkeit wird geschätzt, auch wenn Vietnamesen selbst gelegentlich flexibel damit umgehen. Ein kurzer Anruf oder eine Nachricht bei Verspätung gilt als höflich.
Die Konversation
Smalltalk
Beziehungen entstehen im Gespräch: Smalltalk ist in Vietnam ein wichtiger Türöffner.
Themen
Themen wie Familie, Herkunft, Reisen oder vietnamesisches Essen sind willkommen. Kritik an Politik, Religion oder historischen Ereignissen beziehungsweise generell kritische und negative Themen sollten vermieden werden. Ein ehrliches Kompliment über Land, Kultur oder Küche wird geschätzt. Auch eine Herabwürdigung Deutschlands im Gespräch ist nicht angebracht.
Stil
Kommunikation erfolgt indirekt und harmoniebewahrend. Ein direktes „Nein“ wird selten ausgesprochen. Stattdessen hören Sie vielleicht ein „Wir werden darüber nachdenken“ oder sehen ein Lächeln – beides kann auch Ablehnung bedeuten und ist ohne den Kontext für uns Deutsche oft schwer zu interpretieren.
Achten Sie auf nonverbale Signale. Ironie oder Sarkasmus werden meist nicht verstanden. Freundlichkeit, Geduld und Humor schaffen Vertrauen.
Bei Gesprächen in Gruppen gilt: Der Ranghöchste spricht zuerst. Jüngere oder rangniedrigere Personen äußern sich oft zurückhaltend beziehungsweise sprechen nur dann, wenn sie dazu aufgefordert werden. Geduld ist daher ein Zeichen von Respekt.
Unterbrechungen des Gesprächspartners oder direkter Widerspruch im Gespräch gelten als unhöflich. Widerspruch wird eher indirekt oder mit Umschreibungen formuliert.
Die Geschäftsverhandlung
Vorbereitung
Vertrauen wird zur Zusammenarbeit: In Vietnam ist Vertrauen wichtiger als Verträge. Der Aufbau einer persönlichen Beziehung steht am Anfang jeder geschäftlichen Kooperation. Dies gilt insbesondere für längerfristige Geschäftsbeziehungen. Erst wenn gegenseitiges Vertrauen besteht, werden konkrete Inhalte besprochen.
Ablauf
Entscheidungen fallen selten spontan. Oft werden sie intern abgestimmt oder mit Vorgesetzten und Behörden besprochen. Zeigen Sie Geduld – Druck oder Konfrontation führen schnell zum Rückzug.
Verhandlungen verlaufen meist harmonieorientiert. Emotionale Zurückhaltung, eine ruhige Stimme und höfliche Sprache sind entscheidend. Vermeiden Sie offene Kritik und das „Verlieren des Gesichts“. Sollte ein Problem auftreten, wird es diskret und indirekt angesprochen.
Abschluss
Verträge dienen als Absichtserklärungen nicht als starre Rechtsgrundlagen. Vertrauen, Reputation und langfristige Perspektive wiegen oft mehr als juristische Präzision. Wenn Änderungen nötig sind, werden diese flexibel im Dialog angepasst. Dies ist für deutsche Unternehmen oft ungewohnt, kann aber durchaus auch zum eigenen Vorteil genutzt werden.
Das Geschäftsessen
Einladung
Beziehungen werden gepflegt: Gemeinsame Mahlzeiten sind ein zentraler Bestandteil des vietnamesischen Geschäftslebens. Die Einladung erfolgt meist von der vietnamesischen gastgebenden Person, die auch die Rechnung übernimmt. Wenn möglich, sollte bei langfristigen Geschäftspartnern auch eine Gegeneinladung erfolgen.
Sitzordnung
Die Sitzordnung richtet sich nach Rang: Die gastgebende oder die ranghöchste Person sitzt gegenüber dem Eingang, der Ehrengast daneben.
Trinkrituale
Trinkrituale („Một, hai, ba – yo!“ / „Zum Wohl!“) bei Geschäftsessen mit westlichen Geschäftspartnern sind nicht mehr so weit verbreitet wie vor einigen Jahren, gehören aber noch immer dazu. Ein Glas zu heben und einen kleinen Schluck zu nehmen, zeigt Respekt.
Speisen
Bevorzugt werden Restaurants mit lokaler Küche, wobei inzwischen je nach Mode auch internationale Restaurants beliebt sind. In lokalen Restaurants bestellt die gastgebende Person für alle, das Essen wird dann in Servierschalen in der Mitte des Tisches platziert. Der Gastgeber bzw. die Gastgeberin eröffnet das Essen und reicht oftmals besondere Leckerbissen das Schälchen des Gastes. Probieren Sie von allem ein wenig, das gilt als höflich. Wenn Sie satt sind, lassen Sie Reste auf dem Teller. Denn ein leerer Teller wird als Zeichen verstanden, dass man nicht satt geworden ist.
Tischgespräch
Während des Essens werden häufig Anekdoten erzählt – bleiben Sie freundlich und positiv. Über Geschäfte, Geld oder Politik spricht man am Tisch nicht. Das gemeinsame Essen dient dazu, sich besser kennenzulernen und Vertrauen aufzubauen.
Private Einladungen
Vertrauensbeweis
Begegnen Sie Nähe mit Respekt: Eine Einladung in ein vietnamesisches Zuhause ist eine große Ehre. Sie signalisiert persönliches Vertrauen.
Geschenke
Bringen Sie ein kleines Gastgeschenk mit – etwa Obst, Süßigkeiten oder Blumen. Vermeiden Sie weiße Blumen (Trauersymbol) und schwarze Verpackungen. Rot, Gelb und Gold gelten als Glücksfarben.
Etikette
Ziehen Sie vor dem Betreten des Hauses die Schuhe aus; oft werden Hausschuhe bereitgestellt.
Loben Sie ruhig das Haus oder das gemeinsame Essen, aber vermeiden Sie übertriebene Bewunderung einzelner Gegenstände – die gastgebende Person könnte sich verpflichtet fühlen, diese zu schenken.
Gesellige Abende enden meist früh. Verabschieden Sie sich höflich, auch wenn der Gastgeber oder die Gastgeberin zum Bleiben auffordert.
Pünktlichkeit
Pünktlichkeit wird in Vietnam weniger streng gesehen, aber eine kurze Nachricht bei größerer Verspätung bleibt höflich.
Nützliche Adressen und weitere Links
- Delegation der Deutschen Wirtschaft in Vietnam
Deutsches Haus Ho Chi Minh City, 4. Etage, 33 Le Duan Blvd., District 1, Ho Chi Minh City
Büro Hanoi: Lotte Center Hanoi, East Tower, 18. Etage, 54 Lieu Giai Street, Ba Dinh District, Hanoi - Botschaft der Bundesrepublik Deutschland Hanoi
29 Tran Phu, Ba Dinh District, Hanoi - Goethe-Institut Vietnam
- Vietnam News (Zeitung)
- VTV (TV/Online)
Autor & Quellen
Axel Mierke ist Diplom-Volkswirt mit langjähriger Südostasien-Expertise und war von 1999 bis 2001 Berater des vietnamesischen Planungsministeriums im Auftrag der Vereinten Nationen. Heute arbeitet er als Berater für Entwicklungszusammenarbeit und Markteintritt in Vietnam, lehrt im Executive-MBA-Programm in Ho-Chi-Minh-Stadt und reist regelmäßig in die Region.
- Hofstede Insights (2020): Country Comparison: Vietnam vs. Germany.
- Meyer, E. (2014): The Culture Map. New York.
- Lewis, R. (2018): When Cultures Collide. London.
- Trompenaars, F. & Hampden-Turner, C. (2008): Riding the Waves of Culture. London.
- Alshut, N., Nespethal, T. & Thomas, A. (2007): Beruflich in Vietnam. Göttingen.
Noch Fragen? Wir helfen Ihnen gerne weiter!
Kontakt-
Ella Pauline Belz
Projektkoordinatorin Veranstaltung und Marketing
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