Ein Plädoyer für neue globale Partnerschaften
Kriege in der Ukraine und am Persischen Golf, eine zunehmend machtbewusst agierende Volksrepublik China und ein amerikanischer Präsident, dessen Bündnistreue viele Beobachter anzweifeln – um die globalen Umbrüche und die Konsequenzen für die deutsche Wirtschaft ging es beim Strategieforum Außenwirtschaft der Industrie- und Handelskammer (IHK) Mittlerer Niederrhein, der Sparkasse Neuss und des Rhein-Kreises Neuss im S-Forum der Sparkasse. Keynote-Redner war Armin Laschet, Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses des Deutschen Bundestags und ehemaliger Ministerpräsident des Landes Nordrhein-Westfalen. Der Titel seines Vortrags lautete: „Außen- und Sicherheitspolitik in einer brüchigen Weltordnung – Prioritäten für Deutschland und Europa“.
Beim Eröffnungs-Talk der Gastgeber sagte IHK-Präsident Elmar te Neues: „Die Bedingungen für unternehmerischen Erfolg werden immer stärker von der Außen- und Sicherheitspolitik bestimmt. Unternehmen, die sich mit geopolitischen Entwicklungen beschäftigen, werden widerstandsfähiger. Und sie erkennen in diesen Entwicklungen vielleicht auch neue Märkte und Geschäftschancen.“ Katharina Reinhold, Landrätin des Rhein-Kreises Neuss, ergänzte: „Unsere Region ist geprägt von einer Vielzahl von international erfolgreichen Industrieunternehmen. Diverse Anschläge auf unsere Infrastruktur und Energieversorgung in jüngster Zeit haben gezeigt: Genauso wie die Bürger braucht die Wirtschaft Sicherheit.“ Marcus Longerich, Vorstandsmitglied der Sparkasse Neuss, gab sich optimistisch: „Wenn ich sehe, wie die Unternehmen in unserer Region hier wieder in Produktion vor Ort oder in eine eigene Energieversorgung investieren, dann stimmt mich das zuversichtlich. Denn Zukunft macht sich nicht von alleine. Wir brauchen Mut und müssen handeln, um die Herausforderungen der Zukunft zu meistern.“
Dass die Herausforderungen groß sind, es aber auch Chancen gibt, die mutig genutzt werden müssen, machte Laschet in seinem Vortrag deutlich. Zum Einstieg beschrieb er den Prozess der deutschen Wiedervereinigung, der europäischen Integration und der Einführung des Euro als eine große Erfolgsstory. „Wir dachten, mit dem Fall des Eisernen Vorhangs beginnt eine dauerhafte Zeit des Friedens“, so Laschet. „Aber jetzt sind die alten Gespenster alle wieder da: Krieg, Nationalismus, Antisemitismus.“ Deutschland und Europa leiste mit Waffenlieferungen und inzwischen 21 Sanktionspaketen gegen den russischen Aggressor einen wichtigen Beitrag zur Unterstützung der Ukraine. „Aber wir sollten auch mit Russland verhandeln“, sagte der ehemalige Ministerpräsident. „Dass der Schwiegersohn des US-Präsidenten und ein amerikanischer Geschäftsmann in Moskau über Europa verhandeln, das ärgert mich.“ Europa müsse einig sein, um ernst genommen zu werden.
Genauso wichtig sei wirtschaftliche Stärke, so Laschet. Er erinnerte an den Draghi-Report, der 2024 schonungslos offenlegte, dass die EU dringend an ihrer Wettbewerbsfähigkeit arbeiten müsse. „Wir müssen Vorschriften reduzieren und die Unternehmen stärken“, forderte Laschet. Dies sei insbesondere auch mit Blick auf die aggressive Zollpolitik der USA und den zunehmenden Wettbewerb mit China, das seiner Meinung nach nicht nur mit fairen Mitteln agiert, dringend erforderlich. Laschet warb dafür, sich neue Partner zu suchen und verstärkt mit anderen Mittelmächten zusammenzuarbeiten. „Dabei denke ich auch an Indien, Südamerika und Länder im Nahen Osten“, so Laschet. „Vor allem Kanada ist ein idealer Partner, insbesondere im Bereich Energieversorgung.“
Wie groß die Verunsicherung der deutschen Unternehmen angesichts der globalen Krisen ist, machte im abschließenden Talk Prof. Dr. Lisandra Flach deutlich. „Derartige handelspolitische Unsicherheiten wie heute hatten wir in den vergangenen 80 Jahren nicht mehr“, sagte die Leiterin des Zentrums für Außenwirtschaft am ifo Institut in München. „Die Unsicherheit ist Gift für Investitionen, bremst Neueinstellungen und führt zu einer Neuausrichtung der Lieferketten.“
Die Wissenschaftlerin diagnostizierte einen Wandel von einem regelbasierten zu einem machtbasierten System. Handelspolitik sei etwa für US-Präsident Trump ein Instrument, um andere Staaten unter Druck zu setzen. Ein wirksames Mittel, sich zwischen den USA einerseits und China andererseits zu behaupten, seien Freihandelsabkommen mit anderen Staaten und Wirtschaftsräumen. Flach: „Wenn alle sieben derzeit auf den Weg gebrachten und verhandelten Freihandelsabkommen der EU mit anderen Partnern umgesetzt werden, würde dies nicht nur die negativen Folgen der Trump-Zölle mehr als ausgleichen, sondern gleichzeitig auch die globale Position Europas enorm stärken.“
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