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Industriereport 2026

Person mit Schutzhelm und Warnweste steht in einer Industrieanlage zwischen Rohrleitungen und blickt in eine beleuchtete Produktionsumgebung.

Die Industrie am Mittleren Niederrhein steht unter Druck. Vor fünf Jahren, im Dezember 2021, veröffentlichte die IHK Mittlerer Niederrhein den ersten Industriereport für die Region. Damals zeigte sich die Industrie nach den ersten Verwerfungen der Corona-Pandemie als widerstandsfähige Branche, die sich schneller erholte als andere Wirtschaftszweige. Zugleich warnten die befragten Unternehmen eindringlich vor strukturellen Standortschwächen: zu hohe Energie- und Steuerkosten, überbordende Bürokratie, Fachkräftemangel und Defizite bei der digitalen Infrastruktur.

Fünf Jahre später zeigt sich: Die Warnungen waren berechtigt. Die vorliegende Studie dokumentiert eine deutliche Verschlechterung der industriellen Basis am Mittleren Niederrhein. Was sich 2021 erst andeutete, lässt sich heute in harten Zahlen ablesen. Die Industrie verliert an Beschäftigung und Gewicht – und das spürbar stärker als im nordrhein-westfälischen Durchschnitt.

  • Wie hat sich die Industrie am Mittleren Niederrhein in den vergangenen fünf Jahren entwickelt?
  • Welche Branchen sind besonders betroffen?
  • Wo steht die Region heute im Vergleich zu 2020 und zu Nordrhein-Westfalen insgesamt?

Diese Fragen beantwortet der vorliegende Bericht auf Basis aktueller amtlicher Statistiken und Daten aus der IHK-Arbeit.

Die Analyse zeigt:

Die Industrie am Mittleren Niederrhein befindet sich in einer kritischen Phase. Allein seit 2020 ist die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten im Verarbeitenden Gewerbe in der Region um rund neun Prozent zurückgegangen und damit deutlich stärker als im Land insgesamt (fünf Prozent). Der Anteil der Industrie an der gesamten sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung ist im gleichen Zeitraum von 19 Prozent auf etwa 17 Prozent gesunken. Parallel dazu schlagen sich diverse zusätzliche Belastungen in steigenden Ausfallraten nieder.

Diese Entwicklung ist nicht nur für die betroffenen Industrieunternehmen problematisch. Die Industrie ist nach wie vor eine wesentliche Stütze der wirtschaftlichen Leistung am Mittleren Niederrhein. Ein weiterhin deutlicher Teil der Bruttowertschöpfung in der Region entsteht direkt im Verarbeitenden Gewerbe selbst (17,6 Prozent), während die Industrie darüber hinaus vor allem in engen Verflechtungen mit zahlreichen Dienstleistungsbranchen der Region steht. Der Bedeutungsverlust der Industrie gefährdet damit langfristig auch Wachstum, Einkommen und Beschäftigung in anderen Teilen der regionalen Wirtschaft.

Umso dringlicher ist es, die Rahmenbedingungen für industrielle Wertschöpfung in der Region zu verbessern. Viele der bereits 2021 formulierten Forderungen der Unternehmen sind bis heute nicht oder nur unzureichend eingelöst worden. Die Handlungsnotwendigkeit hat sich in den vergangenen fünf Jahren nicht verringert, sondern deutlich erhöht. Der vorliegende Bericht soll deshalb nicht nur den Status quo der Industrie am Mittleren Niederrhein beschreiben, sondern auch aufzeigen, warum es im ureigenen Interesse der Region liegt, industrielle Kerne zu sichern und zukunftsfähig weiterzuentwickeln.

Wertschöpfung

Regionale Bedeutung

Die Industrie leistet weiterhin einen wichtigen Beitrag zur wirtschaftlichen Leistung am Mittleren Niederrhein, liegt aber nur noch geringfügig über dem Landesdurchschnitt. Im Jahr 2023 entfielen 17,6 Prozent der gesamten Bruttowertschöpfung in der Region auf das Verarbeitende Gewerbe, in Nordrhein-Westfalen insgesamt waren es 17,2 Prozent. Von einer deutlich stärkeren industriellen Prägung der Region gegenüber dem Landesschnitt kann damit nicht mehr gesprochen werden.

In den 2000er-Jahren war der Abstand zwischen Region und Land noch deutlich größer. Damals lag der Anteil der Industrie an der Bruttowertschöpfung am Mittleren Niederrhein spürbar über dem nordrhein-westfälischen Wert, seither ist dieser Vorsprung Schritt für Schritt geschmolzen. Die aktuelle Datenlage zeigt, dass die Region einen Teil ihres früheren industriellen Standortvorteils eingebüßt hat und sich beim Industrieanteil an die Landesentwicklung angenähert hat.

Anteil an der Wertschöpfung in NRW und am Mittleren Niederrhein

Verarbeitendes Gewerbe, 2000 bis 2023, in Prozent

Quelle: IT.NRW / eigene Berechnungen, Hier zur barrierefreien Version

Besonders ausgeprägt ist der Rückgang in den industriestarken Teilräumen. In Krefeld und im Rhein-Kreis Neuss wies das Verarbeitende Gewerbe über Jahre hinweg überdurchschnittlich hohe Anteile an der regionalen Bruttowertschöpfung auf, diese Anteile sind in den vergangenen Jahren jedoch deutlich zurückgegangen. Damit verlieren ausgerechnet jene Standorte an industrieller Schubkraft, die bislang zu den wichtigsten industriellen Trägern der Region gehörten.

In Mönchengladbach und im Kreis Viersen liegen die Industrieanteile an der Bruttowertschöpfung bereits seit Längerem unter den Werten der industriestärkeren Teilregionen. Auch hier setzt sich der langfristige Bedeutungsverlust fort, wenngleich die Anteile in den vergangenen Jahren im Kreis Viersen stabil geblieben sind und es in Mönchengladbach 2023 zumindest – bedingt durch den Zuzug eines großen Unternehmens – einen kleinen Anstieg gab.

Insgesamt zeichnet sich damit ein klares Bild ab: Die Industrie ist nach wie vor ein zentraler Bestandteil der Wertschöpfung am Mittleren Niederrhein, ihr relativer Bedeutungsüberschuss gegenüber Nordrhein-Westfalen ist jedoch spürbar gesunken, und die Rückgänge treffen inzwischen auch die bisherigen industriellen Kernräume der Region. Wesentlich ist diese Entwicklung vor allem auch für zahlreichen Dienstleistungsbranchen der Region, die mit der Industrie eng verflochten arbeiten und dadurch langfristig auch in Wachstum und Beschäftigung verlieren können.

Anteil an der Wertschöpfung in den Teilregionen des Mittleren Niederrheins

Verarbeitendes Gewerbe, 2000 bis 2023, in Prozent

Quelle: IT.NRW / eigene Berechnungen, Hier zur barrierefreien Version

Beschäftigungsentwicklung

Arbeitsplätze

Auch in den Beschäftigtenzahlen spiegelt sich die angespannte Lage der Industrie am Mittleren Niederrhein wider. Der Anteil des Verarbeitenden Gewerbes an der gesamten sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung lag im Jahr 2025 bei 17,0 Prozent – ein deutlicher Rückgang gegenüber den 20,9 Prozent im Jahr 2015. In Nordrhein-Westfalen sank der Anteil ebenfalls, von 20,9 Prozent (2015) auf 17,4 Prozent (2025).

Die Entwicklung zeigt sich in den Teilregionen des Mittleren Niederrheins unterschiedlich stark ausgeprägt, ist aber überall negativ. In allen vier Teilregionen ist die Zahl der Beschäftigten in der Industrie seit 2015 rückläufig:

  • In Krefeld lag der Anteil der Industriebeschäftigten im Jahr 2025 bei 21,1 Prozent, das ist deutlich mehr als im Landesschnitt und der höchste Anteil in der Region. 2015 war es jedoch noch ein Anteil von 25,6 Prozent. Damit ist die Zahl der Industriebeschäftigten in Krefeld in den vergangenen zehn Jahren um 8,1 Prozent gesunken.
  • Im Rhein-Kreis Neuss lag der Anteil der Industriebeschäftigten im Jahr 2025 bei 15,6 Prozent. 2015 war es jedoch noch ein Anteil von 19,4 Prozent. Damit ist die Zahl der Industriebeschäftigten im Kreis in den vergangenen zehn Jahren um 7,2 Prozent gesunken.
  • In Mönchengladbach lag der Anteil der Industriebeschäftigten im Jahr 2025 bei 14,1 Prozent, weniger als im Landesschnitt und der niedrigste Anteil in der Region. 2015 war es auch in Mönchengladbach noch ein Anteil von 17,3 Prozent. Damit ist die Zahl der Industriebeschäftigten in der Stadt in den vergangenen zehn Jahren um 6,6 Prozent gesunken.
  • Im Kreis Viersen lag der Anteil der Industriebeschäftigten im Jahr 2025 bei 18,3 Prozent. 2015 war es noch ein Anteil von 22,8 Prozent. Damit ist die Zahl der Industriebeschäftigten im Kreis in den vergangenen zehn Jahren um 8,2 Prozent gesunken.

Entwicklung der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten im Verarbeitenden Gewerbe

2015 bis 2025 / 2015 = 100

Quelle: IT.NRW / eigene Berechnungen, Hier zur barrierefreien Version

Dieser Rückgang der Industriebeschäftigung ist als alarmierend zu bewerten. Während die Gesamtbeschäftigung in Nordrhein-Westfalen seit 2015 um 14,7 Prozent gewachsen ist, ist die Beschäftigung im Verarbeitenden Gewerbe im Land um 4,6 Prozent zurückgegangen. Am Mittleren Niederrhein ist dieser Trend noch ausgeprägter: 7,6 Prozent Rückgang gegenüber einem Zuwachs der Gesamtbeschäftigung von 14,2 Prozent.

Entwicklung der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten im Verarbeitenden Gewerbe im Vergleich zur Gesamtbeschäftigung

2015 bis 2025 / 2015 = 100

Quelle: IT.NRW / eigene Berechnungen, Hier zur barrierefreien Version

Die wichtigsten Industriebranchen am Mittleren Niederrhein

Branchen

Im Folgenden werden die jeweils fünf wichtigsten Industriebranchen am Mittleren Niederrhein und den Teilregionen genauer betrachtet, gemessen an ihrem Beschäftigtenanteil an der Gesamtbeschäftigung.

Die wichtigste Branche des Verarbeitenden Gewerbes am gesamten Mittleren Niederrhein ist die Herstellung von chemischen Erzeugnissen mit 3,0 Prozent aller sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten (2015: 3,1 Prozent). Der Maschinenbau folgt mit 2,7 Prozent (2015: 3,0 Prozent), die Herstellung von Nahrungs- und Futtermitteln mit 2,1 Prozent (2015: 2,7 Prozent), die Metallerzeugung und -bearbeitung mit 1,8 Prozent (2015: 2,5 Prozent) sowie die Herstellung von Metallerzeugnissen mit 1,4 Prozent (2015: 1,6 Prozent).

Damit war die Beschäftigung in allen wichtigsten Branchen der Region seit 2015 rückläufig.

Die fünf wichtigsten Branchen am Mittleren Niederrhein nach Beschäftigungsanteil

2015 und 2025, in Prozent

Quelle: IT.NRW /eigene Berechnungen

Profile der Teilregionen

Krefeld

In Krefeld dominiert die Herstellung von chemischen Erzeugnissen mit 6,7 Prozent der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten (2015: 7,4 Prozent). Die Metallerzeugung und -bearbeitung folgt mit 2,7 Prozent (2015: 3,7 Prozent), der Maschinenbau mit 2,4 Prozent (2015: 3,3 Prozent), die Herstellung von Nahrungs- und Futtermitteln mit 1,8 Prozent (2015: 1,6 Prozent) sowie die Herstellung von Metallerzeugnissen mit 0,9 Prozent (2015: 1,4 Prozent).

Die fünf wichtigsten Branchen in Krefeld nach Beschäftigungsanteil

2015 und 2025, in Prozent

Quelle: IT.NRW /eigene Berechnungen

Mönchengladbach

In Mönchengladbach führt der Maschinenbau mit 4,6 Prozent (2015: 4,0 Prozent), gefolgt von der Herstellung von Metallerzeugnissen mit 2,0 Prozent (2015: 2,0 Prozent), der Herstellung von elektrischen Ausrüstungen mit 1,4 Prozent (2015: 3,4 Prozent), der Herstellung von Nahrungs- und Futtermitteln mit 0,8 Prozent (2015: 1,4 Prozent) sowie der Reparatur und Installation von Maschinen und Ausrüstungen mit 0,5 Prozent (2015: 0,3 Prozent).

Die fünf wichtigsten Branchen in Mönchengladbach nach Beschäftigungsanteil

2015 und 2025, in Prozent

Quelle: IT.NRW /eigene Berechnungen

Rhein-Kreis Neuss

Im Rhein-Kreis Neuss führt die Herstellung von chemischen Erzeugnissen mit 3,2 Prozent (2015: 3,1 Prozent), gefolgt von der Metallerzeugung und -bearbeitung mit 3,0 Prozent (2015: 3,9 Prozent), der Herstellung von Nahrungs- und Futtermitteln mit 2,2 Prozent (2015: 3,0 Prozent), dem Maschinenbau mit 1,8 Prozent (2015: 2,0 Prozent) sowie der Herstellung von Papier, Pappe und Waren daraus mit 0,9 Prozent (2015: 0,9 Prozent).

Die fünf wichtigsten Branchen im Rhein-Kreis Neuss nach Beschäftigungsanteil

2015 und 2025, in Prozent

Quelle: IT.NRW /eigene Berechnungen

Kreis Viersen

Im Kreis Viersen führt die Herstellung von Nahrungs- und Futtermitteln mit 3,7 Prozent (2015: 4,6 Prozent), gefolgt vom Maschinenbau mit 2,6 Prozent (2015: 3,1 Prozent), der Herstellung von Metallerzeugnissen mit 2,2 Prozent (2015: 2,3 Prozent), der Herstellung von chemischen Erzeugnissen mit 1,8 Prozent (2015: aus Datenschutzgründen liegen für das Jahr 2015 hier keine amtlichen Daten vor) sowie der Herstellung von elektrischen Ausrüstungen mit 1,3 Prozent (2015: 1,6 Prozent).

Die fünf wichtigsten Branchen im Kreis Viersen nach Beschäftigungsanteil

2015 und 2025, in Prozent

Quelle: IT.NRW /eigene Berechnungen

Besondere Bedeutung der energieintensiven Industrie

Die Betrachtung der wichtigsten Industriebranchen offenbart die strukturelle Besonderheit des Mittleren Niederrheins: Die Region ist in besonderem Maße von energieintensiven Branchen geprägt. Die Chemische Industrie – mit Abstand die bedeutendste Branche in Krefeld und im Rhein-Kreis Neuss – zählt zu den energieintensivsten Wirtschaftszweigen überhaupt. Gleiches gilt für die Metallerzeugung und -bearbeitung, die ebenfalls in beiden Teilregionen zu den Top-5-Branchen gehört. Auch der Maschinenbau, der am gesamten Mittleren Niederrhein und besonders in Mönchengladbach eine tragende Rolle spielt, ist auf eine zuverlässige und bezahlbare Energieversorgung angewiesen.

Diese Konzentration energieintensiver Schlüsselbranchen macht den Standort Mittlerer Niederrhein im bundesweiten Vergleich überdurchschnittlich anfällig für Energiepreisschocks. Die seit 2022 stark gestiegenen Energiekosten haben die betroffenen Unternehmen daher nicht nur konjunkturell, sondern auch strukturell unter Druck gesetzt – mit direkten Auswirkungen auf Umsätze, Investitionsbereitschaft und Unternehmensstabilität, wie die folgenden Kapitel zeigen.

Umsätze

Rückgang

Die Gesamtumsätze des Verarbeitenden Gewerbes am Mittleren Niederrhein haben sich seit 2015 nur leicht positiv entwickelt. Sie liegen 2025 6,4 Prozent über dem Niveau des Basisjahres 2015. Damit blieb die Entwicklung deutlich hinter dem in Nordrhein-Westfalen: Landesweit stiegen die Umsätze im selben Zeitraum um 12,3 Prozent. In absoluten Zahlen betrugen die Gesamtumsätze der Industrie am Mittleren Niederrhein 2025 rund 29,1 Mrd. Euro

Die Teilregionen zeigen unterschiedliche Entwicklungen gegenüber 2015. Krefeld verzeichnet einen Rückgang von 5,0 Prozent. In Mönchengladbach stiegen die Umsätze um 17,3 Prozent, im Rhein-Kreis Neuss um 10,7 Prozent und im Kreis Viersen um 9,1 Prozent. Es handelt sich um nominale Zahlen. Bezieht man die Preisentwicklung in den vergangenen 10 Jahren ein, bleibt unter dem Strich ein realer Umsatzverlust.

Entwicklung der Industrieumsätze seit 2015

2015 bis 2025 / 2015 = 100

Quelle: IT.NRW / eigene Berechnungen

Auslandsumsätze

International

Die Industrie am Mittleren Niederrhein ist international stark ausgerichtet. Im Jahr 2020 entfielen 51,6 Prozent der Gesamtumsätze auf den Auslandsumsatz, während die Quote 2025 bei 54,0 Prozent lag. Die Auslandsumsatzquote liegt damit deutlich über dem NRW-Durchschnitt von 45,3 Prozent (2025) und ist trotz der seit 2020 krisenreichen internationalen Lage gestiegen.

Die Exportabhängigkeit variiert stark zwischen den Teilregionen. Der Rhein-Kreis Neuss weist mit 60,0 Prozent die höchste Auslandsumsatzquote auf, gefolgt von Krefeld (56,6 Prozent). Der Kreis Viersen liegt mit 40,1 Prozent deutlich darunter, Mönchengladbach bei 41,7 Prozent.

Die stabile und hohe Exportabhängigkeit der regionalen Industrie war lange Zeit ein zentraler Erfolgsgarant. Sie verdeutlicht, wie stark die Produkte vom Mittleren Niederrhein weltweit gefragt waren – und es vielfach noch immer sind. Gleichzeitig führt eine hohe Exportquote dazu, dass die regionale Industrie bei einer nachlassenden internationalen Wettbewerbsfähigkeit des Standorts Deutschland – wie derzeit zu beobachten – besonders stark unter Druck gerät. Darüber hinaus ist eine exportstarke Industrie besonders anfällig für externe Schocks. Besonders die aktuelle weltpolitische Lage mit schwankenden Zöllen, Konflikten und großer Unsicherheit wirkt sich negativ auf die exportorientierte Industrie der Region aus. Von der Verteuerung von Energie in Folge des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine waren insbesondere die energieintensiven Betriebe betroffen.

Anteil der Auslandsumsätze an den Gesamtumsätzen

2025, in Prozent

Quelle: IT.NRW /eigene Berechnungen

Investitionen

Stagnation
Hinweis

Eingeschränkte Datenverfügbarkeit

Die Analyse der Investitionsentwicklung wird durch die Datenverfügbarkeit eingeschränkt. Für den Rhein-Kreis Neuss und den Kreis Viersen liegen für die vergangenen Jahre keine amtlichen Daten vor. Auch die Durchschnittswerte für NRW sind nur teilweise vorhanden.

Hinweis

 

Die Bruttoanlageninvestitionen je Beschäftigten zeigen in Krefeld und Mönchengladbach im verarbeitenden Gewerbe eine schlechtere Entwicklung als in NRW insgesamt. Während sich die Investitionsintensität seit 2019 im Verarbeitenden Gewerbe in NRW um 10,6 Prozent steigern konnte (10.325 Euro je Beschäftigtem im Jahr 2024), liegen die Städte je 0,3 Prozent (12.950 Euro je Beschäftigtem in Krefeld) und 3,1 Prozent (4.930 Euro je Beschäftigtem in Mönchengladbach) unter dem Niveau von 2019.

Diese Daten korrespondieren auch mit den Ergebnissen der regelmäßigen Konjunkturumfragen in der Region, welche in den vergangenen Jahren überwiegend stagnierende Investitionspläne der lokalen Industrie gezeigt hatten. Wenngleich zumindest in Krefeld das Investitionsniveau nach wie vor höher ist als im Landesschnitt, spiegelt diese Stagnation sowohl die Branchenstrukturen der Region als auch eine tiefgreifende Verunsicherung der Unternehmen wider. Hohe Standortkosten, eine verschlechterte Konjunktur und erhebliche internationale Verwerfungen drücken gerade in einer so exportstarken Region wie dem Mittleren Niederrhein auf die Investitionsbereitschaft.

Bruttoanlageinvestitionen

2019 und 2024, je Beschäftigtem in Euro 

Quelle: IT.NRW /eigene Berechnungen

Ausfallraten

Zahlungsfähigkeit

Die konjunkturelle Schwächephase der letzten Jahre schlägt sich zunehmend in den Bilanzen der Unternehmen nieder. Im Jahr 2025 verzeichnete das Verarbeitende Gewerbe am Mittleren Niederrhein einen spürbaren Anstieg der Ausfallraten*. Mit 2,07 Prozent hat sich die Rate gegenüber dem Vorjahr (1,53 Prozent) erheblich verschlechtert und liegt deutlich über dem bundesweiten Durchschnitt im Verarbeitenden Gewerbe von 1,66 Prozent.

Dieser deutliche Anstieg um mehr als ein Drittel verdeutlicht, dass die Reserven vieler Industriebetriebe nach Jahren der Krisen – von Corona über die Energiepreisschocks bis zur anhaltenden Nachfrageschwäche und internationalen Unsicherheiten – zunehmend aufgezehrt sind.

Ausfallraten im Verarbeitenden Gewerbe im Vergleich zur Gesamtwirtschaft in Deutschland

2021 bis 2025, in Prozent

Quelle: IT.NRW / eigene Berechnungen, Hier zur barrierefreien Version

Der Blick auf die Teilregionen zeigt für 2025 ein differenziertes, aber durchweg ernstes Bild im Verarbeitenden Gewerbe:

  • Krefeld: Die Stadt verzeichnet den stärksten Anstieg. Mit 3,21 Prozent weist sie eine sehr hohe Ausfallrate auf, die sich gegenüber 2024 (1,12 Prozent) fast verdreifacht hat.
  • Mönchengladbach: Die Rate liegt bei 2,55 Prozent und ist damit gegenüber dem Vorjahr (2,92 Prozent) leicht gesunken, verharrt aber auf einem hohen Niveau.
  • Rhein-Kreis Neuss: Hier stieg die Rate moderat, aber stetig auf 1,75 Prozent (Vorjahr: 1,39 Prozent).
  • Kreis Viersen: Die Ausfallrate erhöhte sich auf 1,52 Prozent (Vorjahr: 1,09 Prozent) und weist damit den niedrigsten Wert der Teilregionen auf.

Im Vergleich zu Deutschland, wo die Ausfallrate im Verarbeitenden Gewerbe im gleichen Zeitraum von 1,42 Prozent auf 1,66 Prozent anstieg, vollzieht sich die Verschlechterung der Unternehmensstabilität am Mittleren Niederrhein mit deutlich höherer Dynamik. Die Zahlen belegen, dass die strukturellen Herausforderungen am Standort die Unternehmen überproportional belasten.

Ausfallraten im Verarbeitenden Gewerbe in den Teilregionen im Vergleich zur Gesamtwirtschaft in Deutschland

2021 bis 2025, in Prozent

Quelle: IT.NRW / eigene Berechnungen, Hier zur barrierefreien Version

*Zugrunde gelegt wird dabei eine Basel-III/-IV-konforme Definition des Ausfallereignisses. Das Vorliegen harter Negativmerkmale führt dazu, dass ein Unternehmen als ausgefallen gewertet wird. Ein solches Merkmal tritt in Form eines unternehmerischen Insolvenzverfahrens, eines Verbraucherinsolvenzverfahrens von unternehmerisch tätigen Personen sowie einer Haftanordnung oder der Abgabe einer eidesstattlichen Versicherung auf. Ein Unternehmen gilt zudem als ausgefallen, wenn davon ausgegangen werden muss, dass das Unternehmen seinen Zahlungsverpflichtungen mit einer hohen Wahrscheinlichkeit nicht nachkommen kann. Diese bankenübliche Ausfalldefinition umfasst somit mehr als die unternehmerischen Insolvenzen, die in den amtlichen Statistiken abgebildet werden – zum Beispiel den Zahlungsverzug von mehr als 90 Tagen. Übertragen auf die Datenbasis gelten die Creditreform Bonitätsindizes 500 und 600 als Ausfall. Die Datenbasis der Untersuchung berücksichtigt sämtliche wirtschaftlich aktiven Unternehmen in Krefeld, Mönchengladbach, im Rhein-Kreis Neuss sowie im Kreis Viersen. Dies sind insgesamt knapp 40.000 Unternehmen. Sie berücksichtigt also nicht nur mittelgroße, große oder börsennotierte Unternehmen, sondern vor allem auch Kleinst- und Kleinunternehmen, die den größten Teil des Unternehmensbestands stellen.

Konjunkturelle Risiken

Geschäftsrisiken

Die Industrieunternehmen am Mittleren Niederrhein sahen sich in den vergangenen Jahren mit massiven, sich überlagernden Schocks konfrontiert. Als energie- und materialintensive Branche ist das Verarbeitende Gewerbe deutlich stärker von den globalen Preisentwicklungen abhängig als der Durchschnitt aller Branchen.

Bewertung des Geschäftsrisikos „Energiepreise“ in den regelmäßigen Konjunkturumfragen (Anteil der Nennungen in Prozent)

Quelle: IHK Mittlerer Niederrhein & IHK Düsseldorf

Bewertung des Geschäftsrisikos „Wirtschaftspolitische Rahmenbedingungen“ in den regelmäßigen Konjunkturumfragen (Anteil der Nennungen in Prozent)

Quelle: IHK Mittlerer Niederrhein & IHK Düsseldorf

Im Herbst 2022 erreichten die Sorgen wegen der Energiepreise mit 88,0 Prozent der Nennungen einen Höchststand. Zunächst entspannte sich die Lage bis zum Jahresbeginn 2026 etwas (47,6 Prozent), aber im Zuge des Iran-Krieges Anfang März 2026 geraten die Energiepreise erneut unter Druck. 63,8 Prozent der Unternehmen gaben im Frühjahr 2026 an, dass die Energiepreise ein wesentliches Geschäftsrisiko darstellen. Die im internationalen Vergleich hohen Energiekosten bleiben ein drängendes Geschäftsrisiko – mit besonderer Wirkung für eine Region, in der energieintensive Industrien eine so zentrale Rolle spielen.

Identisch ist der Frust über die wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen: Zum Frühjahr 2026 nannten ebenfalls 63,8 Prozent der Industriebetriebe die wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen als größtes Risiko – damit haben Bürokratie, Regulierung und Planungsunsicherheit einen ebenso großen Stellenwert wie die Energiepreise. Die Mischung aus hohen Standortkosten und akuter geopolitischer Unsicherheit ist ebenfalls einer der Gründe für die starke Investitionszurückhaltung und die steigenden Ausfallraten, die sich in den vorangegangenen Kapiteln gezeigt haben. Bei einer Auslandsumsatzquote von 54,0 Prozent trifft jede globale Verwerfung die regionale Industrie darüber hinaus entsprechend besonders hart.

Bewertung des Geschäftsrisikos „Rohstoffpreise“ in den regelmäßigen Konjunkturumfragen (Anteil der Nennungen in Prozent)

Quelle: IHK Mittlerer Niederrhein & IHK Düsseldorf

Bewertung des Geschäftsrisikos „Fachkräftemangel“ in den regelmäßigen Konjunkturumfragen (Anteil der Nennungen in Prozent)

Quelle: IHK Mittlerer Niederrhein & IHK Düsseldorf

*Werte liegen erst ab Herbst 2016 vor

Eine leichte Entlastung verzeichnen die Unternehmen hingegen bei den allgemeinen Rohstoffpreisen. Im Frühjahr 2022 litten noch fast alle Industriebetriebe (92,7 Prozent) unter extremen Preissteigerungen und Engpässen. Dieser Anteil ist bis zum Jahresbeginn 2026 auf 36,0 Prozent gesunken, jedoch aufgrund des Iran-Krieges und den damit verbundenen Preissteigerungen für Öl und in der Folge Kraftstoffe und auch Erdgas wieder spürbar angestiegen auf 65,5 Prozent.

Ein anhaltendes, strukturelles Risiko bleibt auch der Fachkräftemangel. Er trat 2022 angesichts der akuten Energieschocks besonders für die Industrie zunächst etwas in den Hintergrund, erreichte dann aber im Frühjahr 2023 mit 54,7 Prozent einen Höchststand. Zum Frühjahr 2026 stellt der Mangel an qualifiziertem Personal noch für 32,8 Prozent der Industrieunternehmen eine zentrale Herausforderung dar.

Fazit

Zusammenfassung

Die Zahlen dieses Reports sprechen eine klare Sprache: Die Lage der Industrie am Mittleren Niederrhein ist ernst. Was im ersten Industriereport 2021 noch als strukturelle Gefahr beschrieben wurde, ist heute messbare Realität. Die Beschäftigung im Verarbeitenden Gewerbe ist seit 2015 um 7,6 Prozent zurückgegangen – deutlich stärker als im Landesdurchschnitt. Die Umsätze liegen real unter dem Niveau von 2015 und haben sich zudem schlechter entwickelt als im Land NRW insgesamt. Und die Ausfallraten im Verarbeitenden Gewerbe haben sich innerhalb eines Jahres klar verschlechtert und übersteigen den Bundesschnitt deutlich.

Besonders alarmierend ist dabei das Zusammenspiel struktureller und konjunktureller Faktoren. Die Region ist – bedingt durch ihre spezifische Branchenstruktur mit Chemie und Metallerzeugung – überdurchschnittlich stark von Energiepreisen abhängig. Gleichzeitig ist sie mit einer Auslandsumsatzquote von über 54,0 Prozent besonders anfällig für globale Verwerfungen. Jede geopolitische Eskalation, jeder neue Zollkonflikt und jede Energiepreisschwankung trifft die Industrie am Mittleren Niederrhein damit besonders schwer.

Die Industrie am Mittleren Niederrhein ist trotz aller Belastungen kein Auslaufmodell. Sie erwirtschaftet weiterhin 17,6 Prozent der regionalen Bruttowertschöpfung, ist in zahlreichen Branchen technologisch hochwertig aufgestellt und über enge Lieferverflechtungen tief in der regionalen Wirtschaft verankert. Ein Bedeutungsverlust der Industrie wäre deshalb auch kein isoliertes Branchenproblem – er würde Handel, Logistik, unternehmensnahe Dienstleister und den regionalen Arbeitsmarkt insgesamt empfindlich treffen.

Umso dringlicher ist politisches Handeln auf allen Ebenen. Die Unternehmen selbst haben die Botschaft bereits gesendet: Im Frühjahr 2026 nannten 64 Prozent der Industriebetriebe die wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen als ihr größtes Risiko. Das ist ein unmissverständliches Signal. Bezahlbare Energie, ein wettbewerbsfähiges Steuer- und Abgabenniveau, konsequenter Bürokratieabbau und eine verlässliche Infrastruktur sind keine Luxusforderungen, sondern die Mindestvoraussetzungen dafür, dass industrielle Wertschöpfung in der Region eine Zukunft hat.

Fünf Jahre nach dem ersten Industriereport lautet die Botschaft deshalb unverändert – aber mit deutlich mehr Dringlichkeit: Die Weichen müssen jetzt gestellt werden. Die Region kann es sich nicht leisten, weiter abzuwarten.

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