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Note 2,66 für Brüggen

20.04.2026
Vor der Präsentation der Standortanalyse Brüggen (v.l.): Gerald Laumans (Geschäftsführer der Randers Tegl Laumans GmbH), Leona Hastenrath (Inhaberin von LeoH. Schönheit und Stil), Bürgermeister Marcel Johnen, IHK-Hauptgeschäftsführer Jürgen Steinmetz, Moderator Dieter Könnes und Rene Maludy (Direktor des Best Western Plus Hotels in Brüggen).
Vor der Präsentation der Standortanalyse Brüggen (v.l.): Gerald Laumans (Geschäftsführer der Randers Tegl Laumans GmbH), Leona Hastenrath (Inhaberin von LeoH. Schönheit und Stil), Bürgermeister Marcel Johnen, IHK-Hauptgeschäftsführer Jürgen Steinmetz, Moderator Dieter Könnes und Rene Maludy (Direktor des Best Western Plus Hotels in Brüggen).

Die Brüggener Unternehmen geben ihrem Wirtschaftsstandort die Note 2,66. Damit schneidet die Burggemeinde etwas besser ab als der Durchschnitt der vergangenen IHK-Standortanalysen am Mittleren Niederrhein seit 2021. Das ist das Ergebnis der Standortanalyse Brüggen, die die Industrie- und Handelskammer (IHK) Mittlerer Niederrhein vorgestellt hat. „Standortstärken sind die attraktive Ortsmitte und die kommunalen Leistungen“, erklärt IHK-Hauptgeschäftsführer Jürgen Steinmetz. Die Standortanalyse basiert auf der Auswertung amtlicher Statistiken und einer Unternehmensbefragung der IHK, an der sich knapp 160 Brüggener Betriebe mit mehr als 2.400 Mitarbeitenden beteiligt haben.

Zum Stichtag 30. Juni 2025 waren in Brüggen insgesamt 5.200 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte tätig. Seit 1999 ist die Beschäftigung damit um 64,8 Prozent gestiegen. So hat sich der Standort deutlich dynamischer entwickelt als Nordrhein-Westfalen und der Kreis Viersen. „Brüggen ist als Arbeitsort über viele Jahre hinweg gewachsen. Das ist ein starkes Signal für die wirtschaftliche Substanz des Standorts, auch wenn der Zuwachs von einem vergleichsweise niedrigen Ausgangsniveau aus erfolgte“, sagt Gregor Werkle, Bereichsleiter Wirtschaftspolitik bei der IHK Mittlerer Niederrhein. Besonders prägend ist die industrielle Struktur des Standorts: 42,9 Prozent der Beschäftigten arbeiten im Produzierenden Gewerbe. Zum Vergleich: In NRW ist es jeder vierte.

Auch die volkswirtschaftlichen Kennzahlen sind solide. Mit einer einzelhandelsrelevanten Kaufkraft von 101,8 liegt Brüggen über dem bundesdeutschen Durchschnitt. Die Zentralitätskennziffer von 98,1 zeigt, dass zwar ein Teil der Kaufkraft ins Umland abfließt, Brüggen im Vergleich mit ähnlich großen Kommunen aber gut aufgestellt ist. Dazu trägt auch die Funktion als Tourismusstandort bei. „Brüggen verfügt über eine gute Ausgangslage für Handel, Gastronomie und konsumnahe Dienstleistungen. Gerade aus der Verbindung von Tourismus, Aufenthaltsqualität und Einzelhandel lässt sich weiteres Potenzial für den Standort entwickeln“, so Werkle.

Auch die kommunalen Finanzkennzahlen sind positiv. Die Realsteueraufbringungskraft der Gewerbesteuer lag 2024 über dem Kreis Viersen sowie deutlich über dem Durchschnitt vergleichbarer Kommunen am Mittleren Niederrhein. Zwischen 2019 und 2024 stieg die Steuereinnahmekraft um 35,8 Prozent, die Realsteueraufbringungskraft der Gewerbesteuer sogar um 67,3 Prozent. „Das zeigt, dass Brüggen innerhalb der kleineren Kommunen der Region über vergleichsweise steuerstarke Betriebe verfügt. Diese wirtschaftliche Basis ist ein klarer Standortvorteil“, betont Werkle.

Ähnlich positiv wie die amtlichen Kennzahlen sind auch die Ergebnisse der Unternehmensbefragung. Die antwortenden Unternehmen bewerteten den Standort insgesamt sowie rund 40 einzelne Standortfaktoren mit Schulnoten von 1 bis 6. „Das Urteil fällt mit der Gesamtnote 2,66 ordentlich aus. Brüggen liegt damit leicht über dem Durchschnitt der IHK-Standorte am Mittleren Niederrhein. Gegenüber der vorherigen Brüggener Befragung aus dem Jahr 2021 ist die Bewertung zwar etwas schwächer ausgefallen, das hat aber auch mit den insgesamt schwierigeren wirtschaftlichen Rahmenbedingungen in Deutschland zu tun“, sagt Steinmetz.

Zu den klaren Stärken Brüggens zählen aus Sicht der Unternehmen die Verkehrsanbindung an das Straßen- und Autobahnnetz, der Zustand der überörtlichen Straßeninfrastruktur, das Image des Standorts und die Nähe zu wichtigen Kunden. Besonders positiv bewerten die Betriebe zudem das Themenfeld „Innerörtliche Standortfaktoren“. Gute Noten erhalten in diesem Bereich unter anderem die Sicherheit in den Ortszentren, das Naherholungs- und Freizeitangebot, das Ortsbild, die innerörtlichen Verkehrsverhältnisse sowie die Einkaufsmöglichkeiten und der Branchenmix. Auffällig gut wird auch die Höhe der Parkgebühren bewertet. „Das ist ein klarer Hinweis darauf, dass das kostenlose Parken im Ortskern von den Unternehmen als echter Standortvorteil wahrgenommen wird“, erklärt der IHK-Hauptgeschäftsführer.

Positiv bewerten die Unternehmen außerdem viele Leistungen der Kommunalverwaltung. Die Kommunikation mit der Verwaltung, die behördlichen Reaktionszeiten sowie die Erreichbarkeit und Öffnungszeiten der Behörden schneiden in Brüggen besser ab als im regionalen Durchschnitt. Auch der Digitalisierungsgrad der Verwaltung und die Dauer von Plan- und Genehmigungsverfahren werden günstiger bewertet als im Schnitt am Mittleren Niederrhein. „In Zeiten eines fortschreitenden Bürokratieaufbaus können wirtschaftsfreundliche Kommunen den entscheidenden Unterschied machen“, so Steinmetz. Bei den arbeitsmarktrelevanten Faktoren punktet Brüggen insbesondere mit einem guten Wohnumfeld für die Mitarbeitenden, einer guten Vereinbarkeit von Familie und Beruf sowie positiven Bewertungen für Schulen, Weiterbildung, Hochschulnähe und die Zusammenarbeit zwischen Betrieben und Schulen.

Kritischer sehen die Unternehmen vor allem einzelne kommunale Kosten. So liegt die Bewertung des Gewerbesteuerhebesatzes bei 3,42. Positiv wertet Steinmetz jedoch, dass der Hebesatz in Brüggen der zweitgünstigste in der gesamten Region ist – dies spiegelt sich auch in der Umfrage wider. Am Mittleren Niederrhein wird der Standortfaktor im Durchschnitt mit 3,72 bewertet. „Allerdings trägt zur Unzufriedenheit bei, dass wir im bundesweiten Vergleich am gesamten Mittleren Niederrhein überdurchschnittlich hohe Gewerbesteuerhebesätze haben“, betont Steinmetz. Deutlich kritischer als 2021 (3,37) fällt die Bewertung des Grundsteuerhebesatzes mit 3,50 aus. „Es zeigt sich, dass die differenzierten Hebesätze bei der Grundsteuer B von vielen Unternehmen skeptisch gesehen werden“, so Steinmetz. Auch die Informations- und Kommunikationsinfrastruktur erhält nur eine durchschnittliche Bewertung, wobei insbesondere das Mobilfunknetz, weniger der Breitbandausbau, kritisiert wurde.

„Insgesamt bescheinigen die Unternehmen Brüggen eine gute Standortqualität. Sie verbinden damit aber auch Erwartungen: wettbewerbsfähige Steuern und Gebühren, eine leistungsfähige Infrastruktur sowie eine Wirtschaftsförderung, die nah an den Betrieben ist“, bilanziert Steinmetz.

Aus den Ergebnissen leitet die IHK mehrere Handlungsempfehlungen ab. So sollte Brüggen bei den Grund- und Gewerbesteuerhebesätzen wettbewerbsfähig bleiben und zusätzliche Belastungen der Unternehmen möglichst vermeiden. Ebenso wichtig ist eine verlässliche Gewerbeflächenpolitik, um neue Wertschöpfung und zusätzliche Gewerbesteuererträge zu ermöglichen. Darüber hinaus sollte die Anbindung an den ÖPNV verbessert, die Grenznähe stärker wirtschaftlich genutzt und der Tourismus als Standortfaktor weiterentwickelt werden. Auch die gute Erreichbarkeit des Ortskerns und der Verzicht auf Parkgebühren sollten aus Sicht der IHK erhalten bleiben. „Brüggen hat viele Stärken. Entscheidend wird sein, diese Stärken jetzt konsequent in eine zukunftsorientierte Standortpolitik zu übersetzen“, fasste Steinmetz zusammen.

In der anschließenden Debatte legte der IHK-Hauptgeschäftsführer der Kommune erneut ans Herz, das RAL-Gütezeichen „Mittelstandsorientierte Kommunalverwaltung“ anzustreben: „Ich bin enttäuscht, dass Ihr Wirtschaftsausschuss sich dagegen ausgesprochen hat.“ Durch die Zertifizierung werden Standards für eine wirtschaftsfreundliche Verwaltung festgelegt, etwa die Dauer von Planungs- und Genehmigungsverfahren sowie definierte Reaktionszeiten auf Anfragen von Unternehmen. „Das RAL-Gütezeichen ist ein hervorragendes Instrument, um sich als verlässlicher Partner zu positionieren“, so Steinmetz. „Ich bin ganz Ihrer Meinung. Unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter leisten bereits sehr gute Arbeit. Dennoch ist es wichtig, sich einer permanenten Qualitätskontrolle zu unterziehen, da sonst bestehende Abläufe nicht mehr ausreichend hinterfragt werden“, entgegnete Bürgermeister Marcel Johnen. „Das Thema werden wir im Blick behalten und zu gegebener Zeit vielleicht erneut aufgreifen.“

Für Gerald Laumans, Geschäftsführer der Randers Tegl Laumans GmbH, ist eine sichere und bezahlbare Energieversorgung derzeit die drängendste Frage: „Wasserstoff ist für uns als energieintensives Unternehmen ein wichtiges Zukunftsthema. Ich wünschte mir von Seiten der Politik mehr Energie und Führungsstärke, um das Thema voranzutreiben. Eventuell lohnt es sich, auch über die Grenze zu schauen.“ Der Bürgermeister bestätigte, dass es bereits Gespräche über einen möglichen Anschluss der Brüggener Industrie an das niederländische Wasserstoffnetz gegeben habe.

Eine Energiefrage treibt auch Rene Maludy um. Der Direktor des Best Western Plus Hotels in Brüggen wünscht sich mehr Lademöglichkeiten für Elektro-Fahrzeuge und eine bessere ÖPNV-Anbindung an größere Städte in der Region. „Das wäre gut für unsere Gäste“, so Maludy, der sich grundsätzlich zufrieden mit dem Standort und der Auslastung seines Hauses zeigte: „60 Prozent unserer Gäste sind Geschäftsreisende, 20 Prozent Bus-Gruppenreisende und 20 Prozent klassische Touristen.“ Gäste, über die sich Leona Hastenrath, Inhaberin von LeoH. Schönheit und Stil, freut. Sorge bereiten ihr die Pläne der Verwaltung, im Rahmen eines Parkplatzmanagements auch Parkgebühren einzuführen: „Angesichts hoher Spritpreise könnten zusätzliche Kosten fürs Parken mögliche Besucher abschrecken.“ Johnen versicherte, dass es bei dem Parkraumkonzept vor allem darum gehe, Dauerparken zu vermeiden und somit den Kunden mehr freie Stellplätze zu bieten. „Beziehen Sie die Händler und Gastronomen dabei bitte ein“, appellierte Hastenrath. „Damit wir – wie bisher auch – gemeinsam an Lösungen arbeiten. Das hat Brüggen immer ausgemacht.“

Die komplette Standortanalyse ist online zu finden: mittlerer-niederrhein.ihk.de/P664

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