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„Wir sind in diesem Land auf einem völligen Holzweg“

02.10.2026
Der Finanzwissenschaftler Prof. Dr. Bernd Raffelhüschen ging in seinem Impulsvortrag mit der Politik hart ins Gericht.
Der Finanzwissenschaftler Prof. Dr. Bernd Raffelhüschen ging in seinem Impulsvortrag mit der Politik hart ins Gericht.

„Es ist nicht fünf vor zwölf. Es ist bereits halb eins.“ Gleich zu Beginn des Versicherungsvermittlertags sprach Michael M. Heinz, Präsident des Bundesverbandes Deutscher Versicherungskaufleute (BVK), Klartext. Sowohl die Altersvorsorge als auch das Thema Krankenversicherung hätten seiner Meinung nach schon längst von den Regierungen Merkel, Schröder und Scholz angegangen werden müssen. Mit Blick auf seine Branche forderte Heinz den Abbau von Bürokratie und Regulatorik: „Was uns zugemutet wird, ist ein Misstrauensvotum und grenzt an Drangsalierung.“ Gemeinsam mit dem BVK Bezirksverband (BV) Mittlerer Niederrhein, der Niederrheinischen IHK zu Duisburg und dem BVK BV Niederrhein Duisburg-Wesel-Kleve hatte die Industrie- und Handelskammer (IHK) Mittlerer Niederrhein unter dem Titel „Quo vadis Altersvorsorge – was bringen Reformen und neue Produkte?“ in das Historische Klärwerk in Krefeld eingeladen.

„Der demografische Wandel stellt unser Alterssicherungssystem vor große Herausforderungen. Gleichzeitig werden Reformen der gesetzlichen Rentenversicherung diskutiert und neue Produkte für die private Vorsorge entwickelt“, erklärte IHK-Hauptgeschäftsführer Jürgen Steinmetz bei der Begrüßung. All das habe konkrete Auswirkungen auf die Menschen, auf Unternehmen und auf die tägliche Arbeit der Vermittlerinnen und Vermittler. „Dabei geht es vor allem um Vertrauen, Orientierung und eine Beratung, die langfristig trägt. Genau hier leisten Sie einen wichtigen Beitrag. Sie stärken die private Vorsorge und zugleich die wirtschaftliche Stabilität unserer Gesellschaft.“

Der Finanzwissenschaftler Prof. Dr. Bernd Raffelhüschen gab zu Beginn seines Impulsvortrags zu, dass er „Teil des Problems“ sei: „Ich bin verbeamtet und Pensionär“, erklärt er den rund 150 Zuhörinnen und Zuhörern und ging in den folgenden 90 Minuten mit der Politik hart ins Gericht. „Wir sind in diesem Land auf einem völligen Holzweg“, sagte er. Sozialausgaben hätten ebenso ein Allzeithoch wie Subventionen, die Staatsverschuldung erziele ein Rekordergebnis und die Bildungspolitik sei ineffizient. „Wir haben keine Wachstumsstrategie.“ Hinzu komme: „Wir befinden uns im ältesten Deutschland, das es je gab.“ In den kommenden zehn Jahren seien die „Gesamtbestände der geburtenstarken Jahrgänge“ aus ihren Berufen ausgeschieden, sodass 2040 etwa 80 Prozent der künftigen Beitragszahler für doppelt so viele zahlen müssten.

Somit sieht der Ökonom beim Thema Rente klare Verlierer: „Wir sitzen alles auf den Schultern der jüngeren Generation aus“, erklärte er und nannte vier Stellschrauben für ein gerechteres Rentensystem: die Rente mit 70, keine Subvention eines vorgezogenen Ruhestands sowie die Stärkung der privaten und betrieblichen Altersvorsoge. Zudem betonte er, dass der ausgesetzte Nachhaltigkeitsfaktor als Teil der Rentenanpassungsformel wieder reaktiviert werden müsse. Schließlich diente eine Lebensweisheit seines Opas als Tipp für die Altersvorsorge: „Lege nicht alle Eier in einen Korb, sondern fülle alle Körbe mit Eiern. Diversifiziertes Sparen ist wichtig, das müssen Sie Ihren Kunden erklären.“

Im Mittelpunkt der anschließenden von Prof. Dr. Matthias Beenken (Fachhochschule Dortmund) moderierten Diskussion zwischen Heinz, Raffelhüschen, Dr. Karsten Dietrich (Vorstand AXA Versicherung) und Philipp Opfermann (Verbraucherzentrale NRW e.V.) stand die Altersvorsorgereform und damit verbundene mögliche Auswirkungen auf den Vertrieb. Dabei war man sich einig, dass die Beratungspflichten bei Standardprodukten nicht zur Disposition gestellt werden dürfen. Eine qualifizierte Beratung sei bei der Komplexität der Produkte wichtiger denn je.

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