Energiedialog: Austausch zwischen Politik und Wirtschaft
„Ohne eine sichere Energieversorgung zu wettbewerbsfähigen Preisen geht für unsere Unternehmen nichts“, erklärte Jürgen Steinmetz, Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer (IHK) Mittlerer Niederrhein in seiner Begrüßung zum IHK-Energiedialog 2026. Dazu hatte die IHK in den Pavillon auf dem Campus Zukunft auf dem Wendersplatz in Neuss eingeladen. „Die energieintensive Industrie ist für unseren Wohlstand besonders wichtig, allein von den Unternehmen im Rheinland sind deutschlandweit mehr als 800.000 Arbeitsplätze abhängig.“ Allerdings stünden die Unternehmen vor immensen Herausforderungen – was nicht zuletzt die schlechten Nachrichten der vergangenen Wochen belegten: Das Unternehmen Venator in Krefeld hat angekündigt, das Werk zu schließen, die Krefelder Siempelkamp Maschinen- und Anlagenbau GmbH beabsichtigt, Stellen abzubauen, und das Maschinenbauunternehmen Trützschler erklärte vor wenigen Tagen, dass es seine Produktion in Mönchengladbach einstelle. Und dennoch: „Die Transformation bietet auch viele Chancen und Wertschöpfungsmöglichkeiten für die Unternehmen. Hier ist es wichtig, den Rahmen so zu stecken, dass sich Märkte entwickeln können und nicht eingeschränkt werden“, erklärte Steinmetz. „Umso wichtiger ist der enge Austausch zwischen Wirtschaft und Politik, um Perspektiven nachvollziehen und Lösungswege diskutieren zu können.“
Elisabeth Winkelmeier-Becker, Vorsitzende des Parlamentarischen Beirats für nachhaltige Entwicklung und Zukunftsfragen des Bundestags, gab in ihrer Keynote einen Überblick über die Aktivitäten der Bundespolitik rund um das Thema Energie. Dabei betonte sie: „Es sind noch viele Hausaufgaben zu machen. Wir wissen, was auf dem Spiel steht.“ Schließlich sei die Zahl der Industriearbeitsplätze auf dem tiefsten Stand seit Jahren. Allerdings habe man schon einiges erreicht beziehungsweise auf den Weg gebracht. Als Beispiele nannte sie den Industriestrompreis, dem Brüssel jüngst zugestimmt habe. Darüber hinaus soll das Netzpaket für mehr Transparenz sorgen und das Wasserstoffbeschleunigungsgesetz den schnellen Ausbau der Wasserstoffinfrastruktur fördern. Diskutiert würde darüber hinaus derzeit das Gesetz zur Sicherung der Versorgungssicherheit Strom und zur Bereitstellung neuer Erzeugungskapazitäten (StromVKG) sowie die Anpassung des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG).
Diese zahlreichen Maßnahmen würden von der Politik sicherlich nach bestem Wissen und Gewissen erarbeitet, so Dr. Sebastian Bolay, Bereichsleiter Energie, Umwelt, Industrie bei der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK). Allerdings seien sie unter Berücksichtigung des Gesamtsystems oft nicht zielführend. „Es wird immer ein Pflaster auf ein schon vorhandenes geklebt. Mit diesem Stückwerk wird jedoch keine grundlegende Verbesserung erreicht.“
Winkelmeier-Becker erklärte, dass die Politik mit den Vorhaben die Grundlage für Investitionen schaffen wolle: „Wir müssen den Transformationspfad weitergehen; dazu brauchen wir auch gute Voraussetzungen für privatwirtschaftliche Investoren, damit diese weiterhin in Erneuerbare Energien investieren.“
Diesen Weg ist das Unternehmen Speira gegangen, wie Geschäftsführer Volker Backs berichtete. Neben ihm führten Winkelmeier-Becker, Silke Krebs (Staatssekretärin im Ministerium für Wirtschaft, Industrie, Klimaschutz und Energie des Landes Nordrhein-Westfalen), Christin Schack (Vice President und Managing Director in der Region Central Europe bei 3M und Vorsitzende der Geschäftsführung 3M Deutschland GmbH), Dr. Sebastian Bolay und die Gäste eine von Tom Hegermann moderierte, mitunter kontroverse und emotionale Diskussion.
„Speira hat sich aus der energieintensiven Produktion von Primäraluminium verabschiedet und diese durch Recycling mehr als ersetzt. Diese strategische Entscheidung ergab sich aus der energiepolitischen Perspektive für Deutschland und in der Verantwortung für die Zukunftsfähigkeit unseres Unternehmens. Die Transformation zu einem Hersteller von Aluminium-Lösungen auf Recyclingbasis – ein Weg, den wir bereits vor mehr als 20 Jahren begonnen haben – wurde dadurch noch einmal beschleunigt“, erklärte Volker Backs. Vor dem Hintergrund der immensen Investitionen des Unternehmens verdeutlichte er: „Wettbewerbsfähigkeit ist die Basis für Transformation. Wir müssen wettbewerbsfähig sein, um in Klimaneutralität zu investieren.“ Umso unverständlicher sind für den Geschäftsführer manche politischen Regularien, die die Wirtschaft unterstützen sollten – etwa die Ausgestaltung des EU-CO2-Grenzausgleichssystems CBAM: „So etwas gegen die komplette europäische Aluminiumindustrie einzuführen, ist schon sehr interessant“, sagte er. CBAM stehe für zahlreiche Regelungen, deren Idee zwar sinnvoll, deren Umsetzung aber für die Wirtschaft mit großen Hürden und hemmender Bürokratie verbunden sei.
Das Thema Bürokratie treibt auch das Unternehmen 3M um. Deutschland ist einer von zahlreichen Produktionsstandorten des Konzerns in Europa und der Welt. „Unser amerikanischer Mutterkonzern schaut ganz genau auf uns, wenn es darum geht, wo investiert wird“, berichtete Schack. „Da spielen Arbeits- und Energiekosten sowie die Komplexität der Regulierung und Bürokratie eine große Rolle. Deshalb ist Planungssicherheit für uns sehr wichtig.“ Laut Schack sollte die Politik Antworten auf die Frage finden: „Was braucht es, um in Deutschland zu investieren?“ Die 3M-Managerin verwies auch auf die Chancen, die sich durch die Dekarbonisierung und die Transformation der Wirtschaft bieten. Der Konzern achtet nicht nur bei jedem neuen Produkt auf Umweltverträglichkeit, sondern hat sich auch verpflichtet, eigene Produktionsprozesse grundlegend zu dekarbonisieren. Aufgrund seiner breiten Technologiebasis bietet 3M anderen Unternehmen nachhaltige Lösungen, etwa durch energieeffiziente Materialien, Leichtbaukomponenten in der Automobilindustrie oder ressourcenschonende Folien für das Bauwesen.
Unterm Strich bewies die Diskussion, was Steinmetz bereits bei seiner Begrüßung festgestellt hatte: Politik und Unternehmen haben ein gemeinsames Ziel – Klimaschutz und Wettbewerbsfähigkeit in Einklang miteinander zu bringen. Über den Weg dorthin sind sie sich allerdings nicht immer einig.
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