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„Die Bedrohungslage ist ernst“

20.07.2026
Vor dem Beginn des IHK-Regionalforums (v.l.): Moderator Moritz Döbler (Chefredakteur der Rheinischen Post), IHK-Hauptgeschäftsführer Jürgen Steinmetz, Armin Papperger (Vorstandsvorsitzender der Rheinmetall AG) und Reiner Breuer (Bürgermeister der Stadt Neuss).
Vor dem Beginn des IHK-Regionalforums (v.l.): Moderator Moritz Döbler (Chefredakteur der Rheinischen Post), IHK-Hauptgeschäftsführer Jürgen Steinmetz, Armin Papperger (Vorstandsvorsitzender der Rheinmetall AG) und Reiner Breuer (Bürgermeister der Stadt Neuss).

Welche Folgen hat die sicherheitspolitische „Zeitenwende“ für die Wirtschaft in der Region? Wie stellt sich Deutschlands größter Defence-Konzern, die Rheinmetall AG mit ihrem Werk in Neuss, derzeit auf? Und: Wie ist die Situation momentan für die Menschen in der Ukraine, die sich nun seit Jahren gegen die russische Aggression wehren? Um diese Themen ging es beim Regionalforum Rhein-Kreis Neuss der Industrie- und Handelskammer (IHK) Mittlerer Niederrhein im Pavillon auf dem IHK-Campus Zukunft. Rund 120 Gäste aus Wirtschaft und Politik waren der Einladung gefolgt. Armin Papperger, Vorstandsvorsitzender der Rheinmetall AG, hielt die Keynote des Abends.

„Sicherheit ist die Voraussetzung für Freiheit, für Wohlstand und für eine gute Zukunft. Daher ist Sicherheit längst nicht mehr nur eine Aufgabe von Bundeswehr und Politik. Auch die Wirtschaft muss Verantwortung übernehmen – sie erwartet aber auch, dass der Staat die notwendigen Rahmenbedingungen schafft“, sagte IHK-Hauptgeschäftsführer Jürgen Steinmetz, der die Gäste gemeinsam mit dem Neusser Bürgermeister Reiner Breuer begrüßte. „Die Welt hat sich verändert. Darauf muss man sich einstellen. Wir müssen verteidigungsfähig sein, und dazu gehört auch, dass wir Unternehmen haben, die uns die Mittel dazu zur Verfügung stellen“, erklärte Breuer.

In welcher Größenordnung die Rheinmetall AG die Produktion dieser Mittel hochfährt und was dies für den Standort Neuss bedeutet, machte Papperger in seinem Vortrag deutlich. Im vergangenen Jahr setzte das Unternehmen mit 34.000 Mitarbeitenden 10 Milliarden Euro um – 2030 sollen es rund 50 Milliarden sein. Im Jahr 2030 sollen bis zu 70.000 Beschäftigte Kampffahrzeuge, Satelliten, Kriegsschiffe, Drohnen, Munition und viele andere Rüstungsgüter überall in Europa produzieren – so die Vision. „Wir sind kerngesund, profitabel und wir wachsen stark, um 40 Prozent momentan“, so Papperger.

Das ehemalige Pierburg-Werk im Neusser Hafen baut der Konzern gerade von der Automotive- auf Defence-Produktion um. „Wir sichern die Arbeitsplätze in Neuss nicht nur, wir schaffen auch zusätzliche Jobs“, berichtete der Rheinmetall-Chef. Demnächst sollen in Neuss mehr als 1.000 Mitarbeitende Drohnen, die Türme für das Flugabwehrsystem Skyranger und im Rahmen eines Joint Ventures mit dem finnischen Unternehmen Iceye sogenannte SAR-Satelliten für die Bundeswehr produzieren. SAR steht für Synthetic Aperture Radar, ein Verfahren, das ähnlich wie ein Echolot funktioniert. Damit lassen sich hochauflösende Bilder unabhängig von Wetterbedingungen und Tageszeit erzeugen. „Ziel ist, demnächst einen Satelliten pro Woche zu produzieren. Das wäre die größte Satellitenproduktion Deutschlands“, erläuterte Papperger.

So positiv diese Entwicklung für den Industriestandort Niederrhein ist, so besorgniserregend ist der Handlungsdruck, der dahinter steht. „Die Bedrohungslage ist ernst. Putins Russland stellt die heutigen Grenzen in Ost-Europa infrage, möchte sie verschieben und tut dies bereits mit Waffengewalt in der Ukraine“, erklärte der Rheinmetall-Vorstandsvorsitzende. „Dazu kommt: Die US-Administration ist nicht mehr bereit, die Sicherheit Europas zu gewährleisten und zu finanzieren.“ Europa müsse im Rahmen der NATO befähigt werden, sich künftig auch alleine verteidigen zu können. „Dabei kommt Deutschland aufgrund seiner Größe und Leistungsfähigkeit eine zentrale Rolle zu: Wir sind die drittstärkste Industrienation der Welt – noch. Leider ist man in der Vergangenheit in Deutschland nicht gut mit der Industrie umgegangen“, bemerkte Papperger. Man müsse aus den Fehlern der Vergangenheit lernen und massiv in die Sicherheit investieren. Die Bundesregierung hat sich vorgenommen, das neue NATO-Ziel von Rüstungsinvestitionen im Umfang von 3,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts bereits 2029 zu erreichen. „Das sind enorme Investitionen, die wir alle spüren werden“, sagte Papperger. „Es kommt darauf an, dass wir diese Steuermittel in die richtigen Technologien investieren.“

Zur Ukraine, die sich seit mehr als vier Jahren gegen die russische Aggression wehrt, hat Rheinmetall eine besondere Verbindung. „Wir haben bis jetzt Güter im Wert von bis zu 8 Milliarden Euro in die Ukraine geliefert“, berichtete Papperger. Wie die Situation dort derzeit ist, insbesondere in Kherson, berichtete die US-amerikanische Journalistin und Schriftstellerin Zarina Zabrisky. Die Stadt liegt nur wenige Kilometer von der russischen Grenze entfernt und steht unter permanentem Beschuss durch Raketen, Gleitbomben und vor allem Drohnen. Zabrisky schilderte eindringlich, wie die permanente Bedrohung durch russische Drohnen, die Jagd auf Menschen machen, einen normalen Alltag für die 60.000 verbliebenen Ukrainerinnen und Ukrainer in der einstigen 300.000-Menschen-Stadt unmöglich macht.

Dass der Widerstandswille im Land trotz allem nach wie vor groß ist, machte Alex Mazitov deutlich. Der Musiker wurde durch die Initiative Kultur.Konvoi per Live-Übertragung aus  Kharkiv zugeschaltet und spielte für die Teilnehmer des Regionalforums. Seine Performance rundete einen Abend ab, der die Gäste nachdenklich stimmte und für reichlich Gesprächsstoff beim Get-together sorgte.

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