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Industrie verliert an Boden

02.09.2026

Die Industrie am Mittleren Niederrhein steht unter erheblichem Druck. Das belegt der aktuelle Industriereport, den die Industrie- und Handelskammer (IHK) Mittlerer Niederrhein veröffentlicht. „Sinkende Umsätze und Beschäftigtenzahlen sowie ein steigendes Insolvenzrisiko – die Warnungen, die wir bei der Vorstellung des letzten Industriereports im Jahr 2021 ausgesprochen haben, waren berechtigt – leider“, sagt IHK-Hauptgeschäftsführer Jürgen Steinmetz. „Was sich damals andeutete, lässt sich heute an Zahlen ablesen.“ Die aktuelle Studie zeichne ein besorgniserregendes Bild: Die Region verliere deutlich stärker an industrieller Substanz als Nordrhein-Westfalen insgesamt.

Die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten im Verarbeitenden Gewerbe ist am Mittleren Niederrhein seit 2015 um 7,6 Prozent zurückgegangen – stärker als im Landesschnitt (minus 4,6 Prozent). Der Anteil der Industrie an der Gesamtbeschäftigung sank im gleichen Zeitraum von 20,9 auf 17,0 Prozent. Gleichzeitig liegen die Industrieumsätze 2025 nominal zwar um 6,4 Prozent über dem Wert von 2015. Unter Einbeziehung der Inflation bleibt allerdings ein Minus. Die Preise stiegen im gleichen Zeitraum um 28 Prozent. Zudem war die Entwicklung ungünstiger als in Nordrhein-Westfalen.

In Krefeld lag der Anteil der Industriebeschäftigten im Jahr 2025 bei 21,1 Prozent, das ist deutlich mehr als im Landesschnitt und der höchste Anteil in der Region. 2015 war es jedoch noch ein Anteil von 25,6 Prozent. Damit ist die Zahl der Industriebeschäftigten in Krefeld in den vergangenen zehn Jahren um 8,1 Prozent gesunken. Die Industrie in Krefeld verzeichnete zudem 2025 nominal 5,0 Prozent geringere Umsätze als 2015.

„Die Zahlen sind ein Weckruf. Wir haben in den vergangenen Jahren eindringlich auf den politischen Handlungsbedarf hingewiesen – auf zu hohe Energiekosten und überbordende Bürokratie. Viele der Baustellen sind bis heute nicht ausreichend angegangen worden. Das spiegelt sich jetzt in den Daten wider“, sagt Steinmetz.

Zwei strukturelle Besonderheiten der Region verschärfen die Lage zusätzlich. Zum einen ist der Mittlere Niederrhein in besonderem Maße von energieintensiven Branchen geprägt. Die Chemische Industrie ist die wichtigste Industriebranche in Krefeld und im Rhein-Kreis Neuss, die Metallerzeugung gehört in beiden Teilregionen ebenfalls zu den Top-5-Branchen. Diese Konzentration macht den Standort überdurchschnittlich anfällig für Energiepreisschocks – und die jüngsten Entwicklungen im Zusammenhang mit dem Iran-Krieg haben die Energiepreise erneut unter Druck gesetzt.

Zum anderen ist die regionale Industrie außergewöhnlich stark auf den Export ausgerichtet: Mit einer Auslandsumsatzquote von 54,0 Prozent liegt der Mittlere Niederrhein deutlich über dem NRW-Durchschnitt (45,3 Prozent). Jede geopolitische Eskalation, jeder neue Zollkonflikt und jede Nachfrageschwäche auf den Weltmärkten trifft hiesige Unternehmen besonders hart. „Die Kombination aus hoher Energieabhängigkeit und starker Exportorientierung macht unsere Industrie anfälliger als anderswo – und das in einer Zeit, in der sowohl die Energiemärkte als auch die Welthandelsordnung unter erheblichem Druck stehen“, betont Steinmetz.

Besonders alarmierend ist die Entwicklung der Unternehmensausfallraten, also des Anteils der Unternehmen, die zahlungsunfähig sind beziehungsweise ihre finanziellen Verpflichtungen nicht mehr erfüllen können. Im Verarbeitenden Gewerbe stieg die Rate 2025 in der Region auf 2,07 Prozent – ein deutlicher Anstieg gegenüber dem Vorjahr (1,53 Prozent) und deutlich über dem bundesweiten Durchschnitt im Verarbeitenden Gewerbe (1,66 Prozent). In Krefeld hat sich die Ausfallrate im Vergleich zum Vorjahr sogar fast verdreifacht (auf 3,21 Prozent). „Nach Jahren der Krisen sind die Reserven vieler Betriebe aufgezehrt“, erklärt Steinmetz. „Wenn sich die Ausfallraten innerhalb eines Jahres derart verschlechtern, ist das ein klares Zeichen dafür, dass die strukturellen Probleme des Standorts bei den Unternehmen ankommen.“

Neben den Energiepreisen hat sich die Unzufriedenheit mit den wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen zum zentralen Geschäftsrisiko entwickelt. Zum Jahresbeginn 2026 nannten 65 Prozent der Industriebetriebe die wirtschaftspolitischen Risiken – also Bürokratie, Regulierung und Planungsunsicherheit als ihr größtes Risiko. „Die Botschaft der Unternehmen ist eindeutig: Sie brauchen bezahlbare Energie, ein wettbewerbsfähiges Steuer- und Abgabenniveau und einen konsequenten Bürokratieabbau. Das sind die Mindestvoraussetzungen für industrielle Wertschöpfung in unserer Region“, betont Steinmetz.

Trotz der negativen Entwicklung bleibt die Industrie ein unverzichtbarer Pfeiler der regionalen Wirtschaft. Das Verarbeitende Gewerbe erwirtschaftet weiterhin 17,6 Prozent der Bruttowertschöpfung am Mittleren Niederrhein und ist über enge Lieferverflechtungen tief in der regionalen Wirtschaft verankert. Ein weiterer Bedeutungsverlust würde auch Handel, Logistik und unternehmensnahe Dienstleister empfindlich treffen. „Die Industrie am Mittleren Niederrhein ist kein Auslaufmodell – aber sie braucht endlich die richtigen Rahmenbedingungen.“

Der Industriereport 2026 steht zum Download bereit unter: mittlerer-niederrhein.ihk.de/P935

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